Interview | Der Behindertenbeauftragte des Bezirks Schwaben zieht ein erstes Fazit

„Es ist normal, verschieden zu sein“ – dieses Zitat des erst jüngst verstorbenen Richard von Weizsäcker hat Volkmar Thumser auch seinem politischen Ehrenamt als Bezirksrat vorangestellt. Der Augsburger ist für die SPD seit 2013 im Schwäbischen Bezirkstag vertreten und wurde vom Gremium zum Behindertenbeauftragten des Bezirkstags bestellt. Volkmar Thumser, der im Hauptberuf Richter am Oberlandesgericht ist, engagiert sich schon seit Jahren ehrenamtlich für Menschen mit Behinderung – auch, weil der Vater von vier Kindern die Fragestellungen und Probleme, vor denen behinderte Menschen und deren Angehörige stehen, aus eigenem Erleben kennt. Darüber und über sein erstes Fazit aus seinem Engagement als Behindertenbeauftragter berichtet Volkmar Thumser in diesem Interview.

Volkmar Thumser bei der konstituierenden Sitzung des Bezirkstags 2013 neben SPD-Fraktionskollegin Petra Beer aus Memmingen | Foto: Bezirk Schwaben , Christina Bleier
Volkmar Thumser bei der konstituierenden Sitzung des Bezirkstags 2013 neben SPD-Fraktionskollegin Petra Beer aus Memmingen | Foto: Bezirk Schwaben , Christina Bleier

Frage: Was ist Ihr Tätigkeitsbereich als Behindertenbeauftragter?
Volkmar Thumser: Offiziell lautet die Bezeichnung „Beauftragter für das Förderzentrum für Hörgeschädigte, zugleich als Behindertenbeauftragter“. Das „Förderzentrum Hören“, das der Bezirk zusammen mit der Regens- Wagner-Stiftung in Augsburg betreibt, macht aber nur einen kleinen Teil meiner Aufgaben aus. Nach der Geschäftsordnung des Bezirkstags hat der Beauftragte das Recht und die Pflicht, bei der Führung der Geschäfte beratend mitzuwirken. Also mische ich mich bei Fragen der Politik für Menschen mit Behinderung ein, die der Bezirk als überörtlicher Sozialhilfeträger mitgestalten kann. Ich habe auch das Recht, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zu besuchen, wovon ich gern Gebrauch mache. Zur Aufgabe gehört, Kontakt zu den Behindertenbeauftragten der kreisfreien Städte und Landkreise in Schwaben und zur Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Frau Badura zu halten. Schließlich können sich Betroffene mit der Bitte um Rat an mich wenden.

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit dieser Aufgabe gemacht?
Volkmar Thumser: Als Eltern eines 17-jährigen Mädchens mit Down-Syndrom haben meine Frau und ich uns in dem Verein „einsmehr“ und im Elternbeirat der Brunnenschule Königsbrunn schon seit vielen Jahren für Menschen mit geistiger Behinderung engagiert. Durch die Arbeit als Behindertenbeauftragter kann ich Zusammenhänge besser erkennen und mehr bewegen, als wir das als Selbsthilfeaktive und Elternvertreter konnten.

Eine Erfahrung aus unserer Familie hat sich durch Begegnungen verstärkt: Ein Mensch mit einer Behinderung mag wirtschaftlich weniger oder nicht produktiv und auf Hilfe angewiesen sein, er gibt seinen Mitmenschen aber viel zurück. Seine andere Wahrnehmung öffnet uns die Augen.

Der Augsburger Volkmar Thumser (SPD) ist Behindertenbeauftragter des Schwäbischen Bezirkstags
Der Augsburger Volkmar Thumser (SPD) ist Behindertenbeauftragter des Schwäbischen Bezirkstags

Frage: Wo sehen Sie Schwerpunkte?
Volkmar Thumser: Zunächst beim Thema Arbeit. Der Bezirk fördert den Wechsel von der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in den ersten Arbeitsmarkt mit Beratung, finanziellen Hilfen und einer Rückkehrgarantie für den Fall des Misslingens (Projekt BÜWA). Die Träger der WfbM werden dabei unterstützt, Werkstattplätze auszulagern, etwa in Handwerksbetriebe, Kindergärten oder die Gastronomie; diese Außenarbeitsplätze gelten rechtlich als Werkstattplätze, führen aber zu einem vielfältigeren Arbeitsangebot und zu mehr Inklusion, weil die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung normaler wird.

Frage: Welche Hilfen können Sie anbieten?
Volkmar Thumser: Bittet mich ein Betroffener um Hilfe, so fordere ich einen Bericht von der Sozialabteilung des Bezirks an. Manchmal kommen allein dadurch die Dinge zugunsten des Betroffenen in Bewegung, wenn noch ein Ermessensspielraum besteht, was nicht immer der Fall ist. Ein paar Beschwerden haben sich dagegen gerichtet, dass bei der Gewährung von Eingliederungshilfe – und sei es nur die Mobilitätsbeihilfe – das Vermögen des Antragstellers geprüft wird; das Schonvermögen liegt derzeit nur bei 2.600 €. Das kann nur der Bundesgesetzgeber ändern, und er sollte das dringend tun.

Frage: Vor welchen Herausforderungen steht die Behindertenhilfe, steht der Bezirk?
Volkmar Thumser: Die Zahl der Menschen mit Behinderung steigt, zum einen weil sie dank des medizinischen Fortschritts länger leben, zum anderen weil immer mehr Menschen aufgrund einer psychischen Behinderung aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Die Hilfen werden stärker den individuellen Bedürfnissen angepasst; dazu kann das persönliche Budget eine wichtige Hilfe sein. Das führt aber zu einem höheren Verwaltungsaufwand, was für die Betroffenen zum Teil unzumutbar lange Bearbeitungszeiten zur Folge hat. Und es erfordert mehr Kreativität von den Leistungserbringern und der Verwaltung des Bezirks.

Beim Thema Wohnen kommen neue ambulant betreute Wohnformen hinzu; dennoch wird auch das herkömmliche Wohnheim für stark behinderte, sehr unselbständige Menschen benötigt. Im Ballungsraum Augsburg, aber auch in dem touristisch attraktiven Allgäu ist es für Menschen mit Behinderung überhaupt schwierig, eine Wohnung zu finden.

Thumser ist als Behindertenbeauftragter Nachfolger von SPD-Bezirksrat Wolfgang Bähner aus Augsburg, mittlerweile Fraktionsvorsitzender der schwäbischen SPD im Bezirkstag. | Bild: Bezirk Schwaben
Thumser ist als Behindertenbeauftragter Nachfolger von SPD-Bezirksrat Wolfgang Bähner aus Augsburg, mittlerweile Fraktionsvorsitzender der schwäbischen SPD im Bezirkstag. |
Bild: Bezirk Schwaben

Frage: Inklusion ist das neue Paradigma in der Politik für Menschen mit Behinderung. Wo steht hier der Bezirk? Welche Chancen ergeben sich für die Entwicklung in Schwaben aus Ihrer Sicht? Welche Grenzen sind dem Bezirk gesetzt?
Volkmar Thumser: Inklusion bedeutet, dass die Gesellschaft so beschaffen ist, dass Menschen mit einer Behinderung sich mit der notwendigen Unterstützung gleichberechtigt darin bewegen und daran teilhaben können. Der Bezirkstag hat bereits 2014 einen Aktionsplan Inklusion beschlossen. Der Bezirk Schwaben hat mit Frau Kohlmus eine hauptamtliche Mitarbeiterin zur „Inklusionsbeauftragten“ ernannt, die sich mit der Umsetzung befasst und derzeit auch auf dem Gebiet „Arbeiten“ ihren Schwerpunkt hat. Im April wird ein runder Tisch mit Vertretern verschiedenster Behörden und der Handwerkskammer dazu beim Bezirk stattfinden.

Der Bezirk will in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, den Kommunen und den Leistungserbringern die Inklusion voranbringen. Dazu bedarf es des Engagements von vielen, von Firmenchefs über Selbsthilfeaktive bis zu ehrenamtlich Tätigen. Der Bezirk hat für Ehrenamtliche einen Fachtag in Kempten unter dem Motto veranstaltet: „Inklusion fängt in unseren Köpfen an.“ So ist es.

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„Verdammt lang her….“ | Wolfgang Niedecken auf Blitzbesuch in der Kresslesmühle

8. Dezember 2016 Presse Augsburg

„Verdammt lang her….“…seit die Kölner Band „BAP“ ein Konzert in der Kresslesmühle gab. Genau vor 35 Jahren traten Wolfgang Niedecken und seine Musiker, damals noch ziemlich unbekannt, 1981 in der Augsburger Kresslesmühle auf. Ein Konzert, ganz zu Anfang in der Karriere, das er bis heute nicht vergessen hat. Jetzt gaben BAP ein großes Konzert in der Stadthalle Gersthofen. Für Wolfgang Niedecken war es die Gelegenheit, sich auf die Reise in die eigene musikalische Vergangenheit ins benachbarte Augsburg zu machen.