Zum Ende des 9-Euro-Tickets zieht Arnulf Schuchmann, BRB-Geschäftsführer, eine gemischte Bilanz der drei Monate für die Bayerische Regiobahn.

Arnulf Schuchmann Brb Geschaeftsfuehrer
BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann zieht eine gemischte Bilanz zu drei Monaten 9-Euro-Ticket. Foto: BRB

„Das 9-Euro-Ticket war auf der einen Seite ein Schnellschuss der Politik, der uns vor riesige Herausforderungen gestellt hat. Binnen Wochen mussten wir unsere Verkaufsstruktur und Tarifierung umstellen, was fast unmöglich schien, aber am Ende doch geklappt hat. Die drei Monate mit vergünstigten Tickets haben von unserem Zugpersonal Höchstleistungen gefordert. Viele Fahrgäste hatten bis dahin kaum Erfahrung mit Bahnfahren und es musste viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Übervolle Züge haben so manchem Reisenden die anfängliche Lust auf den ÖPNV leider schnell verdorben. Wir sind mit allem gefahren, was wir hatten, konnten nicht mehr Züge aufs Gleis bringen, weil bereits alle im Einsatz waren, weil Bahnsteiglängen dafür nicht ausreichen und Strecken bereits vorher schon an ihrer Auslastungsgrenze angelangt waren.

Wir haben über unsere Webseite viele Informationen und Tipps gegeben, um aufzuklären und Enttäuschungen zu vermeiden. Gerade bei der Fahrradmitnahme kam es öfter zu Diskussionen, weil kein Ticket für das Fahrrad gekauft wurde, was allerdings in Bayern, bis auf wenige Ausnahmen, erforderlich ist. Fahrradfahrer mussten gerade an den Wochenenden öfter auf nachfolgende Züge verwiesen werden, weil die Kapazitäten in den Mehrzweckbereichen schnell erschöpft waren. Schwer zu schaffen macht uns bis heute und über das Ende des 9-Euro-Tickets hinaus die marode Infrastruktur in unseren Netzen, die immer wieder zu kurzfristigen Sperrungen und Langsamfahrstellen führt, was hohe Verspätungen zur Folge hat. Und gerade die Kurzfristigkeit macht eine ordentliche Fahrgastinformation unmöglich, was aber bei Zugausfällen oder großen Verspätungen essentiell für die Fahrgäste ist. Dieses Problem wird uns noch lange begleiten und hat während der drei Monate zu viel Verärgerung geführt.

Doch ein Erfolg war das 9-Euro-Ticket natürlich auf der anderen Seite auch. Es konnten viele den ÖPNV nutzen und Ausflüge machen, die sich das ohne das günstige Ticket kaum geleistet hätten. Manch einer hat das Zugfahren ausprobiert, ohne auf Zonen und Verbünde achten zu müssen. Das war sicher der größte Vorteil, die Einfachheit, und einfache Tarife sollten auch weiterhin ein Ziel sein. Dass von den Neukunden viele nach Ende des 9-Euro-Tickets weiterhin den ÖPNV nutzen werden, wünsche ich mir zwar, bin aber skeptisch, denn jetzt geht es erst einmal auf dem Preisniveau weiter, das bis Ende April 2022 gegolten hat, und man spricht in der Branche bereits von Preiserhöhungen, die sehr bald kommen. Der Erhalt und vor allem die Sanierung der Infrastruktur kosten viel Geld, der Ausbau des ÖPNV in den ländlichen Gebieten ebenfalls. Die große Frage ist am Ende die Finanzierung. Wir kämpfen schon seit Coronabeginn mit hohen finanziellen Einbußen, das muss allen Entscheidungsträgern bewusst sein.“

 

Zahlen und Fakten zum 9-Euro-Ticket :

  • Erwartung bis Ende August: knapp 375.000 verkaufte Tickets in allen fünf Netzen, Zahlen für einzelne Netze nicht darstellbar
  • Nachfrage insgesamt über alle drei Monate gleichmäßig, Ausschläge nach oben an Feiertagen und bei gutem Wetter
  • Vergleich zu 2019 ( = vor Corona): Steigerungen zwischen 40 und 60 Prozent, besonders Richtung Salzburg und ins Oberland gab es Wochen mit fast verdoppelter Nachfrage gegenüber 2019
  • Spitzenwochen waren im Juli bei gutem Wetter und entsprechend viel Freizeitverkehr sowie gleichzeitig vorherrschendem Schüler- und Berufsverkehr
  • Nachfrage im August etwas geringer, aber deutlich unter dem in vorangegangenen Jahren typischen August-Rückgang, Grund: in den Vormonaten wurden schon Vorverkäufe getätigt, viele sind im Urlaub und es sind Schulferien