GH/KPP – 1454 erschien in Mainz Gutenbergs berühmte zweibändige Bibel. Schon 1459/1460 wurde erstmals auch außerhalb der Stadt Mainz gedruckt, nämlich in Bamberg und  Straßburg. Der Augsburger Buchwissenschaftler und Leiter der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Augsburg, Dr. Günter Hägele, hat nun einen bisher unbekannten Straßburger Einblattdruck von 1461 im Stadtarchiv Baden im Aargau entdeckt.

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Ablassbrief zum Besten des Kollegiatstifts St. Cyriacus in Neuhausen (Worms) | Foto: Stadtarchiv Baden im Aargau

Neue Funde aus dem ersten Jahrzehnt der Buchdruckerkunst sind nach 200 Jahren intensiver wissenschaftlicher Inkunabelforschung (lat. incunabula: die Windeln, die Wiege – als die Buchdruckerkunst noch in der Wiege lag) eigentlich kaum mehr zu erwarten. Umso überraschender ist Hägeles Fund im Stadtarchiv Aargau, wo seit dem späten 15. Jahrhundert gleich 15 druckfrische, bestens erhaltene Exemplare eines 1461 in Straßburg gedruckten Ablassbriefes aufbewahrt – und seither übersehen wurden.

Religiöse und politische Propaganda
Schon Gutenberg druckte, parallel zu seiner Bibel, die ersten Einblattdrucke, und auch in der zweiten in Mainz ansässigen Werkstatt, bei Fust und Schöffer (seit 1455/1456), wurden neben Büchern auch immer wieder solche Akzidenzdrucke (Gelegenheitsdrucke) hergestellt, die häufig der religiösen und politischen Propaganda ihrer Auftraggeber dienten.

dkms_display_mundAuf_300x250_default Augsburger Buchwissenschaftler macht eine sensationelle Entdeckung News Ablassbrief Buchdruck Buchwissenschaftler Fund Gutenberg Universität Augsburg | Presse AugsburgZu dieser Gattung zählt auch der von Hägele neu aufgefundene Ablassbrief. Jedem Spender, so die Bulle Papst Pius II., werde ein Nachlass zeitlicher Sündenstrafen gewährt, wenn er für den Wiederaufbau des im Krieg völlig zerstörten St. Cyriacus-Stiftes bei Worms einen namhaften Geldbetrag stifte. Der  Ablasshandel in Sachen Neuhausen war bisher nur durch einige wenige Exemplare aus den beiden genannten Mainzer Pressen bezeugt. Die neu aufgefundenen Ablassbriefe hingegen wurden in Straßburg gedruckt. Dort hatte Johann Mentelin 1460 sein Erstlingswerk, eine prächtige zweibändige Bibel, vorgelegt, dem er als zweites Erzeugnis seiner Presse 1461 augenscheinlich diese Ablassbriefe folgen ließ. Da Drucke dieser Zeit im Regelfall weder Drucker noch Druckort oder Jahreszahl nennen, war die Zuweisung nur auf Grund der  Identifizierung der verwendeten Drucktype möglich. Den Auftrag zum Druck hatte Mentelin wohl vom Wormser Bischof erhalten, der damit die Versorgung auch des südwestdeutschen Raumes mit Ablassbriefen sicherstellen wollte.

Die Ablasskampagne verlief sehr erfolgreich, auch in Gegenden, wo man Neuhausen und die zerstörte Stiftskirche St. Cyriacus gar nicht kannte. Der Hl. Cyriacus wurde nämlich weit über Südwestdeutschland hinaus verehrt, galt er doch als Helfer gegen böse Geister, Besessenheit und Versuchungen. Als Helfer gegen Frost und schlechtes Wetter war er zugleich auch Schutzpatron der Winzer. Schließlich wurde er sogar unter die 14 Nothelfer gezählt.

Der Fund verdient aus mehreren Gründen Beachtung. Zum einen bezeugt er die schnelle und großräumige Verbreitung der noch jungen Buchdruckerkunst über den Ort ihrer Erfindung hinaus. Zum anderen ermöglicht er neue Einblicke in den frühesten Straßburger Buchdruck und dessen Erzeugnisse. Wie in Mainz konnte man auch in Straßburg mit diesen in hohen Stückzahlen hergestellten Einblattdrucken anscheinend in kurzer Zeit gutes Geld verdienen, während die Drucklegung umfangreicher Bücher regelmäßig einen viel höheren Arbeitsaufwand und wesentlich größeren Kapitaleinsatz bei der Vorfinanzierung erforderte.

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Für Anna Locherin in Baden im Aargau am 18. November 1461 ausgestelltes Exemplar des Ablassbriefes | Foto: Stadtarchiv Baden im Aargau

Ablass als Medienereignis
Der Straßburger Ablassbrief ist aber auch ein weiteres Indiz dafür, wie früh die Kirche die neue Kunst des Druckens für ihre Zwecke instrumentalisierte. Die um 1450 einsetzende Ablassflut hat sich, wie man das auch an diesem neuen Beispiel ablesen kann, schon sehr früh und dann verstärkt ab 1475 beim Erschließen neuer Geldquellen durch Ablasshandel in einer zunehmend inflationären und kommerzialisierten Form des neuen Mediums Buchdruck bedient; von hier führte letztlich der Weg direkt zur Reformation. Die großen Ablasskampagnen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts wären ohne das Medium des Buchdrucks nicht möglich gewesen. Die Forschung spricht daher in jüngster Zeit auch pointiert vom „Ablass als Medienereignis“, der der “Reformation als Medienereignis“ vorausging.