Augsburgs Bischof Bertram: „Mitmenschen brauchen Brot fürs Herz“

Bischof Dr. Bertram Meier hat dazu ermutigt, die Seelsorge in die Mitte kirchlichen Handelns zu stellen. „Gerade jetzt brauchen die Menschen Nahrung für die Seele. Die Gesundheit des Leibes ist wichtig – ohne Zweifel. Aber sie ist nicht alles. Unsere Mitmenschen brauchen Seelennahrung, Brot fürs Herz“, betonte Bischof Bertram heute im Festgottesdienst zum Abschluss der Sebastiani-Wallfahrtswoche. Der Bischof mahnte, sich auf „unser Kerngeschäft“ zu besinnen: die Seelsorge. Dafür sei es nicht nötig, alles selbst zu machen, zu funktionieren und zu organisieren. „Es geht vor allem darum zu beseelen: dem Raum und der Zeit, die wir bewohnen, eine Seele zu geben.“

Bischof Bertram Predigt Zum Abschluss Der Sebastianioktav 2021 Foto Nicolas Schnall Pba Scaled
Bischof Bertram predigt zum Abschluss der Sebastianioktav 2021 (Foto Nicolas Schnall_pba)

Dass der heilige Sebastian nicht nur als Pestpatron, sondern vor allem als Glaubenszeuge und Märtyrer verehrt wird, werde uns derzeit hautnah bewusst, so der Bischof. Die Coronakrise lasse uns Christen in den Spiegel der Wahrheit schauen, die Kirchen selbst würden in Frage gestellt: Was sind wir eigentlich? Welche Rolle kommt uns zu in der multireligiösen Gesellschaft, die auch in Augsburg Einzug gehalten hat? Sind wir mit unserer Botschaft und den Angeboten, die wir den Menschen machen, systemrelevant? Für Bischof Bertram ist die Antwort eindeutig: In den zahlreichen sozial-caritativen Einrichtungen halte er die Kirche für systemrelevant. „Und in vielem, was wir unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern sonst noch bieten, sind wir lebens-, sogar überlebensrelevant. Denn wir halten ein Angebot vor, das über das Irdische weit hinausreicht: Wir Christen leben unter einem offenen Himmel.“ Wenn wir von der Erde sprächen, wenn wir eine menschlichere Welt gestalten wollten, dann treibe uns die Überzeugung an, dass der Himmel offenstehe, so der Bischof.

Hinsichtlich der verwendeten Worte und gehaltenen Gottesdienste erwarte sich Bischof Bertram jedoch „mehr Tiefgang“. So seien Liturgie und Verkündigung weder reine Freizeitveranstaltung noch bloßer Kulturevent. „Sie machen wesentlich unser Menschsein aus, denn zur Natur des Menschen zählt seine religiöse Ader. Diese Ader müssen wir neu öffnen helfen.“ Dabei müsse der Aktionsradius eines Christen über die Sakristei hinausgehen. „Es geht darum, dass sich der Glaube nach außen klappt, dass wir ihm unser Gesicht, Hand und Fuß geben“, so der Bischof. Ganz ohne Furcht, die eigene Glaubensüberzeugung zum Ausdruck zu bringen – am Arbeitsplatz, im Gespräch mit Freunden und Kollegen, in der Familie. Denn, so Bischof Bertram: „Eine echte Stärkung der eigenen Identität erfolgt nicht durch Ablehnung des anderen und Fremden, sondern durch Vertiefung und Verlebendigung des Eigenen.“

„Fürchtet euch nicht!“ Dieses Wort Jesu bekomme Ernst und Tiefe, wenn wir es in den Zusammenhang stellten, in den er es damals gesprochen habe. Seine Kunde vom Reich Gottes habe nicht nur Applaus hergerufen, sondern auch Widerstand und Protest. „Bis heute werden in vielen Teilen der Erde Jesu Jünger belächelt und veräppelt, benachteiligt, bedroht und verfolgt, gefoltert und ermordet. Da kann es einem angst und bang werden“. Doch Jesus halte dem entgegen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann.“

Musikalisch gestaltet wurde das Pontifikalamt von der Schola St. Georg und Titularorganist Marius Beckmann an der Koulen-Orgel.

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Abschluss der Sebastianioktav 2021 (Foto Nicolas Schnall_pba)

Für Stadtpfarrer Florian Geis war es die dreizehnte und letzte Sebastianioktav, da er im Sommer als Kurat an die Wieskirche wechselt. Er bedankte sich bei allen, die in den vergangenen Jahren diese Wallfahrt erst möglich gemacht und mit Leben gefüllt haben. Die traditionsreiche Augsburger Stadtwallfahrt vom 17. bis 24. Januar fand heuer unter dem Titel „Stimme des Wortes – Schale der Gnade“ statt. Das Leitwort der diesjährigen Oktav zitiert den Wahlspruch des Bischofs und knüpft an die Bedeutung des Evangeliums als Gottes Wort an. Die Wallfahrt zum hl. Sebastian, der seit jeher besonders als Patron in Seuchengefahr angerufen wird, steht seit 1815 auf dem religiösen Pilgerkalender der Stadt.