Brechtfestival | Neuer künstlerischer Leiter Julian Warner stellt Programm für 2023 vor

Von 10. Februar bis 19. Februar findet das Brechtfestival 2023 zu Ehren Bert Brechts statt. Die Stadt würdigt den gebürtigen Augsburger, der zu den bedeutendsten, deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt, auch in diesem Jahr mit einem zehntägigen Festival. Brechts Stücke werden bis heute auf allen Kontinenten gespielt, seine Gedanken inspirieren noch immer Menschen auf der ganzen Welt. Der neue künstlerische Leiter Julian Warner hat gestern das Programm des Brechtfestivals 2023 vorgestellt.

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Julian Warner, Leitung Brechtfestival 2023-2025 Foto: Fabian Schreyer

 

Ein junger Typ mit Klampfe, der mit seiner Clique am Lech abhängt. Ein eigensinniger Poet, der in Kneipen und auf Plätzen als Sänger und Erzähler auftritt. Ein Rebell, der Spießertum und Kriegsverherrlichung verachtet. Einer, der leicht mit Frauen anbändelt. Der spielt und schreibt und feiert und schreibt und liebt und schreibt und experimentiert… – und das ziemlich exzessiv.

In seiner Heimatstadt Augsburg fand der junge Brecht alles, um sich als Baal in die Welt zu träumen. Hier kochte die Ursuppe seiner Verfahrensweisen und Theorien, mit denen er später die Theaterwelt revolutionieren wird. Brecht ist ohne das Milieu, ohne dieses Experimentierfeld nicht denkbar. Seine Vorliebe für prozesshaftes, kollektives, genreübergreifendes Arbeiten, die Vorboten des Epischen Theaters: Hier sind sie schon zu finden.

Diese Perspektive greifen Festivalleiter Julian Warner und sein Team auf. Unter der Überschrift „Die Große Methode“ nehmen sie Brechts Arbeitsweise in den Fokus, machen sie sich zu eigen und Augsburg erneut zu einem Labor.

Im Jahr 2023 wird nicht nur Brechts 125. Geburtstag gefeiert, sondern auch danach gefragt, was es bedeutet, heute sein Erbe anzutreten. Blickt man dabei insbesondere auf Brechts Verfahrensweisen, so lassen sich Verbindungen in die Gegenwart ziehen, zu „Brecht’s People“ – Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die heute eine Brecht’sche künstlerische Praxis pflegen.

Auf diesem Weg setzt sich das Brechtfestival mehr denn je mit der Stadt und den Menschen, die hier leben, auseinander. Besonderes Augenmerk liegt 2023 auf dem Stadtteil Lechhausen, dem Mittelpunkt des diesjährigen Brechtfestivals.

„Wir verabschieden uns von der gut eingeübten Frage nach der Aktualität des Brecht’schen Werkes und widmen uns stattdessen der Erforschung Brecht’scher Welten. Wir finden sie in den Nischen unserer Städte. Dort, wo die Kämpfe der Gegenwart stattfinden und die Grenzen von Ästhetik und Politik verschwimmen: Dort treffen wir auf Brecht’s People“, so Festivalleiter Julian Warner.

Festivalauftakt an Brechts 125. Geburtstag

Das Festival startet am 10. Februar 2023, Brechts 125. Geburtstag, mit einer Parade, die vom Goldenen Saal im Augsburger Rathaus nach Lechhausen führt. Beim abendlichen Festbankett mit Damian Rebgetz halten die Autoren Elisa Aseva, Fatma Aydemir und
Aras Ören Geburtstagsreden an den Jubilar. Als Gäste werden u. a. Oberbürgermeisterin Eva Weber, MdL Markus Blume und Kulturstaatsministerin Claudia Roth erwartet.

Das Staatstheater Augsburg ist Kooperationspartner des Brechtfestivals und für seine innovative Digitalsparte bekannt, die in der diesjährigen Zusammenarbeit von besonderer Bedeutung sein wird. Mit Kybernetik und Künstlicher Intelligenz wird Brecht in die Zukunft katapultiert – und per Gespräch, Diskussion, Schreibwerkstatt und szenischer Lesung ins Festival gebeamt.

Zum weiteren Programm gehören u. a. Gastspiele des Theaters Bremen und des Berliner Ensembles, eine Ausstellung zu verdrängten (Stadt)Geschichten, ungewöhnliche musikalische Fusionen und eine Wrestling-Show, bei der Augsburger Konflikte im Ring ausgetragen werden. Das Festival endet am 19. Februar. dem dritten Jahrestag der rassistischen Morde in Hanau, mit „Say Their Names“, einem kollektiven Erinnern an Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili-Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin.

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Die Härte aus Schwaben Foto: Christian Riedel

„Die Entdeckung der Stadt über Brecht als Methode macht das Erbe des großen Literaten und Theatermachers greifbar, erfahrbar und erwebt sich mit unseren unterschiedlichsten Alltagswelten. Über diese neuen Zugänge verankert der Festivalleiter Julian Warner den
großen Künstler Brecht über die Brecht’sche Methode in der DNA der Stadt. Er wird Teil der Stadt“, so Jürgen K. Enninger, Referent für Kultur, Welterbe und Sport.

Aus scheinbar unmöglichen Begegnungen Neues schaffen Julian Warner möchte Brechts Werk neuen Bevölkerungsgruppen gegenüber öffnen, das kulturelle Erbe neu legitimieren. Mit dem Festival entsteht idealerweise ein eigener Raum, ein Klima, ein Raum, in dem Werk und Arbeitsweise, Forschung und Methodik, Kunst und Politik, Hochkultur, Stadtteilalltag und Experiment mit der Kulturpraxis unterschiedlicher Communities in Kontakt kommen
können. Wo gibt es Schnittstellen? Was entsteht Neues daraus? Das gilt auch für das Musikprogramm des Festivals. Unter dem Stichwort „Impossible Music“ betreten die beiden Kuratoren Markus Acher und Girisha Fernando das Spielfeld von Brechts Methode und öffnen es für einen internationalen, stilübergreifenden musikalischen Austausch mit Künstler aus Uganda, Japan, der Türkei, Großbritannien, der Ukraine und Deutschland.

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Dakh Daughters
Foto: Igor Gaidai

Lechhausen als Festivalzentrum

Das Brechtfestival bespielt weiterhin beliebte Spielorte wie die Bühnen des Staatstheaters, das Staatliche Textil- und Industriemuseum, Brechthaus und Provino Club. Und es  erschließt zusätzlich neue Räume. Die Festivalzentrale befindet sich im Saalbau Krone, dem Sitz des Oberbayrischen Volkstrachtenvereins Augsburg-Lechhausen e.V. Hier treffen sich seit Oktober monatlich „Brecht’s People“ – Personen und Gruppen, die am Festival beteiligt
sind oder sich dafür interessieren. Der Saalbau Krone im Herzen von Lechhausen ist der Dreh- und Angelpunkt für alle Festivalbesucherinnen, – besuchern und für Brecht’s People. Hier trifft man sich vor, nach und zwischen den Veranstaltungen auf ein Getränk, tauscht sich über Gesehenes aus und bekommt Tipps zu weiteren spontanen Festivalaktionen im Stadtviertel.

Die Gastgeberinnen und Gastgeber vom Trachtenverein sind mit „Ankommen, Weitertanzen. Ein Lechhauser Hoigarten“ im Festival vertreten, ebenso wie die Alevitische Gemeinde („Brecht aus der Türkei“). In deren Saal in der Bozener Straße finden gleich mehrere Veranstaltungen statt. Eine leerstehende Sparkassenfiliale wird zur Bühne ebenso wie auch die urige Saunawelt mitten im Lechhauser Wohngebiet. Das Augsburger Ensemble Bluespots Productions zeigt dort „Saunah – ein Drama in drei Aufgüssen“. Mit „Der Geist der Taverne“ präsentiert die Regisseurin Dorothea Schroeder ein Audiofeature rund um Lechhauser Kneipen in der Stadteilbücherei.

Konflikte zu Kunst: Das Brechtfestival als Verhandlungsspielraum

Das Brechtfestival praktiziert, produziert und lädt alle dazu ein, sich am Gesamtkunstwerk-in-progress zu beteiligen. Mehr Prozess, mehr Versuch, mehr Machen als Sein. Weg vom Genius, hin zum Experiment. Weg von Brecht, hin zu Brecht’sch. Das Programm ist eine Einladung zum Hinsehen, Hingehen,Neusehen, Entdecken, Mitmachen, Erfahren, Erfinden. Ein zutiefst optimistischer Ansatz, dass gesellschaftliche Veränderung zum Besseren hin möglich ist. Durch Dialog und Kunst. Das Verhandeln drängender Fragen, Kunst, Politik – alles gehört zusammen, ganz im Geiste Brechts. „Das Brechtfestival muss ein Ort sein, wo zusammen um Ideen und Haltungen gerungen werden darf – auch kontrovers.Das müssen wir alle aushalten“, so Julian Warner.

Brecht, Augsburg, Musik: drei Zugänge zum Brechtfestival

Knapp und sachlich: „Brecht“, „Augsburg“, „Musik“ lauten die drei Fährten durch das Festivalprogramm 2023.

Tickets und Updates

Der Kartenvorverkauf für die Veranstaltungen des Brechtfestivals beginnt ab Mitte Dezember 2022. Unter brechtfestival.de gibt es tagesaktuelle Infos zum Ablauf des Programms, zu den jeweils geltenden Hygienemaßnahmen vor Ort und zu Rückgabemöglichkeiten für Tickets abgesagter Veranstaltungen. Kurzfristige Änderungen werden auch auf den Social-Media-Kanälen geteilt.