Den Blick nach vorne richten | Die exklusive Eva Weber-Kolumne, April 2021

Liebe Augsburgerinnen und Augsburger,

wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir uns im April 2021 immer noch, oder besser gesagt, wieder in einem Lockdown befinden? Ich muss zugeben, dass ich mir im Januar 2020, als der erste Corona-Fall in Deutschland gemeldet wurde, über das Ausmaß der Pandemie und die damit verbundenen Einschnitte in unseren Alltag nicht bewusst war. Mir war klar, dass sich einiges für uns ändern würde, aber monatelange Schließungen von Geschäften, Betrieben, Einrichtungen – das war für mich damals unvorstellbar.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 18. April einen nationalen Gedenktag für Coronaverstorbeneausgerufen: ein gesellschaftliches Innehalten für diedeutschlandweit fast 80.000 Menschen, die seit Beginn der Pandemie an oder mit Corona gestorben sind. Eine erschütternde Zahl und auch in Augsburg gedenken wir 365 Verstorbenen (Stand 14. April 2021). Auch wenn wir leider die Pandemie noch nicht überwunden haben, ist es doch ein wichtiges Zeichen, uns diese Zeit des Innehaltenszuzugestehen. Denn die in unserer Gesellschaft spürbare Tendenz in der aktuell dritten Welle lautet: Durchhalten. Wir sind alle erschöpft, müde, kraftlos, wir wollen alle, dass es endlich vorbei ist. Aber wir nehmen uns selten noch die Zeit, innezuhalten, zu reflektieren, zu sagen, was für uns gerade wirklich nicht geht.

Bringt ja gefühlt nichts, sich dauernd zu beschweren und es geht ja auch allen um uns gleich schlecht oder gleich ok – wir schaffen das schon irgendwie. Diese Haltung beobachte ich in letzter Zeit immer häufiger und ich kann sie auch verstehen. Aber: Die Mentalität „Augen zu und durch“ versperrt nicht nur im wörtlichen Sinne den Blick nach vorne. Sie lässt kein Vorankommen zu. Wir halten unseren ganzen Frust in uns, gestehen auch den anderen kein Meckern und kein Jammern zu und kämpfen uns zwar Seite an Seite (mit Abstand!) schweigend und einsam durch den Alltag. Deshalb spreche ich hiermit ein klares Plädoyer für das Sich-Auslassen und vor allem das ehrliche Miteinander aus, in dem wir auch heute noch, als leidgeprägte und leidgeprüfte Corona-Profis, klar benennen, was für uns nicht passt.

In Augsburg wird am 18. April ein Gedenkgottesdienst in der Moritzkirche abgehalten. Vor der Moritzkirche werden wir an diesem Tag als Symbol für das Leben und die Hoffnung einen Ölbaum platzieren, und um den Ölbaum für jedes Opfer stellvertretend ein Bäumchen. Letztere pflanzen wir anschließend in den Augsburger Wäldern.

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Oberbürgermeisterin Eva Weber sieht in den Impfungen Hoffnung  | Foto: Wolfgang Czech

Die Hoffnung ist derzeit das, was uns bleibt und mit jeder neuen Impfung wird sie größer. Natürlich wird die Normalität, wie wir sie kannten, nicht wiederkommen. Die Menschenleben, die durch Corona beendet wurden, die Schicksale, die von Corona beeinflusst wurden, das alles hat uns verändert und hinterlässt Spuren. Jetzt ist es aber an uns, diese Spuren als Teil von uns zu akzeptieren und dann den Blick nach vorne zu richten. Denn auch wenn wir uns verändert haben, die Richtung, in die wir gehen, bleibt die gleiche.

Passen Sie weiter auf sich auf und bleiben Sie gesund.

Herzliche Grüße

Ihre

Eva Weber

Eva Weber ist seit Mai 2020 Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg. Seit Mai 2014 veröffentlicht sie eine regelmäßige Kolumne exklusiv bei Presse Augsburg.