Nachgefragt: Augsburger Notfallschwester berichtet über ihr Corona-Jahr

Seit über einem Jahr ist die Rede davon, dass die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern am Limit belastet sind. Doch wie sieht es wirklich aus? Nur die wenigsten Menschen haben einen hier ein näheren Einblick. Presse Augsburg-Redaktionsleiter Dominik Mesch hat sich deshalb (coronakonform) mit Elisabeth K. (Name von der Redaktion geändert) getroffen und sich über ihre Tätigkeit unterhalten.

Uka Uniklinik Augsburg 7
Foto: Dominik Mesch

Elisabeth K. arbeitet schon viele Jahre als Krankenschwester, seit einiger Zeit ist sie Notfallschwester am Universitätsklinikum Augsburg. Seit dem vergangenen Jahr ist sie dort primär in der sogenannten Infekt-Notaufnahme, der Stellen, an der die Covid19-Fälle eingeliefert werden.

Elisabeth, wie ist es aktuell in der Notaufnahme? Hat sich der Aufwand dort durch COVID19 deutlich verändert? Was passiert, wenn ein Verdachtsfall eingeliefert wird?

Wir haben seit Beginn der Pandemie dafür einen eigenen Bereich geschaffen, die Infekt-Notaufnahme, diesen mittlerweile sogar mit einer Tür von allem getrennt. Dort gibt es 4 Zimmer in denen zwei Patienten behandelt werden können. Jeder Patient der mit Fieber kommt, muss dort behandelt werden. Mit einem Schnelltest stellen wir sicher, ob es sich um Corona handelt. Schwerere Fälle, Menschen die evtl. intubiert und beatmet werden müssen, werden direkt in Kabine 1-4 aufgelegt. Dort ist alles dafür eingerichtet. Wir haben dort Defibrillator, Beatmungskralle und definitiv auch mehr Platz. Dadurch, dass jeder Patient mit Fieber isoliert wird, dazu die mit Husten, Kontaktpersonen und natürlich COVID-19-Positive kann man sich vorstellen was da hinten im Infektbereich los ist. Der Bereich wird größtenteils von medizinischen Fachangestellten und den Kolleginnen der geschlossenen Stationen oben im Haus betreut. Teilweise haben wir zu wenig Personal, die kollegiale Hilfe ist aber immer da.

Wie sieht Ihr Arbeitstag dort aus? Müssen Sie im Moment mehr arbeiten, als vor Coronazeiten? Ist die Arbeit dort „intensiver“ oder kann man das einfach nicht vergleichen?

Ja es ist definitiv aufwändiger. Ich habe vorschriftsmäßig zwei Masken auf: eine FFP2 Maske und darüber einen chirurgischen Mund-Nasen-Schutz. Der Anruf kommt, es ist eine infektiöse Voranmeldung da. Ich ziehe mich an, Schutzkittel, Haube, zwei paar Handschuhe und Brille/Schild. Ich messe bei dem Patienten die Vitalwerte, nehme Blut ab, schreibe ein EKG. Im Idealfall ist eine Kollegin vor der Kabine, um die Werte aufzuschreiben und Etiketten auszudrucken etc. Diese ruft dann auch beim Röntgen an, ob ich kommen kann. Dann, wenn die keine Zeit haben, ziehe ich mich aus und später nochmal an, wenn die Röntgen-Kabine frei ist. Für mich ist dies natürlich ein doppelter Aufwand.

Unsere Abteilungen arbeiten echt sehr gut zusammen, darum ist es oft nur ein formhalber Anruf, damit die Kollegen sich auch umziehen und isolieren können. Nach dem Röntgen findet der zweite Arztkontakt statt. Der erste hat immer schon beim Eintreffen stattgefunden um zu sehen, ob der Patient gut genug ist laut ESI Traige System, um auf den Kabinen 17-20 zu sein oder er doch in eine Schockraum Kabine muss. Bei diesem zweiten Arztkontakt bin ich dann raus. Windeln etc. habe ich bei Bedarf da auch schon gewechselt. Idealerweise dauert das 35 Minuten. Nicht selten, bei pflegeaufwändigen Patienten, über eine Stunde. Wenn ich Glück habe kann ich aufs Klo und was trinken. Zu den Hochzeiten im November 2020 bis Februar 2021 war das nicht möglich. Ich bin von einem Isoraum in den nächsten. Das heißt ausziehen, desinfizieren, wieder anziehen. Normal arbeiten wir zu dritt dort hinten. Und das ist dann eine logistische Leistung. 4 Kabinen á 2 Plätze. Da liegen z.B. drei Verdachtsfälle. Einer auf 17, einer auf 18 und einer auf 19. dann kommt die Voranmeldung COVID positiv. Der geht auf 20. so und dann nochmal Fieber, Kontaktperson 1. Ja, wo lege ich den rein? Kohorten-Isolation. Es geht mit FFP2-Maske zu dem Verdachtsfall, schauen dass die Leute wieder weg kommen. Normal 2 Stunden, dann sollen sie verlegt sein. Nicht selten dauert es aber 4-5 Stunden, weil keine freien Betten da sind. Oder der Transport nach Hause so lange dauert, bis die Malteser kommen.

Ist das Arbeiten intensiver?

Ja. Wegen dem  Umziehen und der Isolation und wegen Sprachbarrieren. Ich muss auch sagen, dass es zu den Anfangszeiten von Corona echt ruhig war. Es hat es uns auch erleichtert, dass keine Begleitpersonen mehr reindurften. Mittlerweile kommen tatsächlich auch viele wegen Nebenwirkungen nach einer Astra-Impfung, weil sie sich unsicher sind. Die Medien machen die Menschen damit unsicher. Ich hoffe, dass das besser wird.

Was sind das für Menschen, die zu Ihnen kommen? Eher ältere, eher jüngere oder besondere Bevölkerungsgruppen? Sind es wirklich überwiegend Personen mit Vorerkrankungen? Was gilt bei Ihnen eigentlich als Vorerkrankung?

Ehrlich? Es sind Menschen aus verschiedensten Bevölkerungsgruppen, die wir mit COVID 19 Infektion behandeln. Ich weiß nicht ob die sich nicht an Regeln halten können, wollen oder sie einfach nicht verstehen? Es gibt Mitmenschen die oft in drei Generationen zusammenwohnen. Zuerst waren es tatsächlich ältere Menschen, jetzt zwischen 25 und 60 Jährige, wirklich alle. Manche ohne, andere mit Vorerkrankungen z.B. Diabetes, Herzerkrankungen, Krebserkrankungen.

Fehlt es auch nach über einem Jahr der Pandemie noch an Aufklärung oder ist es fehlendes Verständnis? Oder waren diesen Leuten die Maßnahmen egal? Was ist Ihr Eindruck?

Jeder, auch ich, hat so langsam echt genug, ich will auch mal wieder ins Café mit meinen Freunden. Viele halten sich jetzt nicht mehr an Regeln weil sie a) nicht glaube dass es dieses Virus gibt b) glauben, dass es das gibt, aber es ist nicht gefährlich c) sie immer alle Regeln ignorieren! Die Aufklärung fehlt nicht. Die Leute sind müde. Sie wollen mehr Freiheiten und verstehen nicht, das sie mit dem Regelverstoß alles schlimmer machen!

Sie haben da sicher Recht, viele haben keine Lust mehr. Lassen sich Lockerungen und Freiheiten aus Ihrer Sicht aktuell irgendwie ermöglichen? Wie harmlos oder schlimm ist Corona aus Ihrer Sicht?

Nein, da siegt bei mir das Wissen über den Willen. Shoppen und Außengastronomie wäre kein Problem. Die Menschen stecken sich auch nicht beim Aldi an. Da helfen die Masken. Alles wo man länger innen ist: Kino, Restaurants, Bar, Kneipe, Theater und solche Sachen sind eher schwierig. Das sollte noch bis mindestens Ende geschlossen sein. Ich glaube ab dem 3. Mai wären Lockerungen denkbar. Was ich aber unbedingt loswerden will: Tattoostudios sollten schon lange aufhaben. Das ist die einzige Branche die nicht öffnen darf obwohl sie immer schon mit Maske arbeiten!

Corona ist sehr schlimm ich habe Menschen sterben gesehen, junge, alte, dazu fassungslose Angehörige. Sie werden intubiert, meist noch bei uns, liegen wochenlang auf den Intensivstationen und werde nie mehr so wie früher sein. Das Virus greift nicht nur die Lunge an. Auch die Nieren können betroffen sein. Und andere Organe. Wir haben einen Oberarzt, der sich Ende Dezember infiziert hat und bis heute nicht erholt hat. Die Spätfolgen sind richtig krass.

Was können solche Spätfolgen sein?

Atemnot, also dauerhaft. Schlappheit, Herzrasen, Schwindelgefühle oder auch Vergesslichkeit.

Bei all den schlimmen Fällen, gibt es da einen Fall, an den Sie sich besonders erinnern?

Ja, eine ältere türkische Dame. Sie kam mit dem Rettungsdienst. Die Panik in ihren Augen war unglaublich intensiv. Ich glaube sie wusste genau, dass sie das nicht überleben wird. Sie hat uns nicht verstanden, obwohl eine türkische Kollegin gleich zum Übersetzen gekommen ist. Sie wurde bei uns noch intubiert und verstarb eine Woche später. An Corona. Ohne jegliche andere Erkrankung. Prinzipiell erinnere ich mich an viele Patienten. Ich versuche allerdings immer die Arbeit in der Arbeit zu lassen und nicht daran zu denken. Ich könnte diese Arbeit sonst nicht schon so lange machen und wäre noch so fit im Kopf.

Wie kann man damit umgehen? Lernt man das mit der Zeit? Ich könnte mir vorstellen, dass die seelische/psychische Beanspruchung, neben der körperlichen Beanspruchung natürlich, den „Akku“ besonders schnell leer werden lässt. Ganz abschalten stelle ich mir daher schwer vor.

Du musst dir das so vorstellen: Ich versuche tatsächlich alles in der Arbeit zu lassen. Ich nehme mir sehr oft Zeit für einen Spaziergang. Im Wald lasse ich meine Gefühle raus, schick sie ins Universum und weit weg. Da fülle ich meinen Akku auch wieder auf oder beim Wandern in den Bergen. Ja die Belastung psychisch ist schon da, ich tausche mich mit Kolleginnen aus, wir reden viel miteinander. Nur so geht das. Gerade nach Kinderschockräumen ist die Spannung oft zum Zerschneiden. Betroffene Kollegen gehen da schon mal gleich in die Pause. Und: Ich höre Musik. Im Ohr. Ganz laut.

Wenn Sie aus der Arbeit kommen, werden Sie aber in den Medien und im ganz normalen Alltag immer wieder mit dem Thema konfrontiert. Wenn Sie Demonstrationen, wie kürzlich in Stuttgart sehen oder entsprechende Kommentare in den Sozialen Medien lesen, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Idioten. Ich versuche da ehrlich nicht alles zu lesen. Auszuschalten. Ich habe genug Information in der Arbeit. Radio höre ich seit einem Jahr nicht mehr. Ich schaue keine Nachrichten.

Demos – was soll ich sagen? Friedlich und ohne Waffen – so lautet das Recht auf Versammlung. Ist eine COVID 19-Infektion eine Waffe, die andere ansteckt? Dann wäre es das mit dem Versammlungsrecht. Die sind lebensmüde, ehrlich. Eigentlich sollten sie namentlich registriert werden und im Krankheitsfall nicht behandelt werden! Sie wollen ihre Rechte zurück? Bitte dann mit allen Konsequenzen.

Würden die Konsequenzen bedeuten, dass eine Behandlung ausgeschlossen wird?

Ja, wenn ich was zu sagen hätte, dann müssten sie zumindest im Fall einer Corona-Infektion, auf den Hausarzt oder KVB Arzt zurückgreifen.

Der Umkehrschluss: Ministerpräsident Söder hat für „durchgeimpfte“ Personen gewisse Erleichterungen bekanntgegeben. Eine richtige Entscheidung?

Ja auf alle Fälle. Darauf warten wir ja schon ne Zeit lang. Es entfällt die Quarantäne und die Test Pflicht bei Click & Meet soweit ich das verstanden habe?

„Die Welle hat die 50-70 Jährigen erfasst“ – Corona-Lage an Uniklinik Augsburg weiter angespannt

Müsste man gegen Demos und sonstige Treffen etc. stringenter und deutlicher Seitens des Staats vorgehen?

Ich glaube das ist eine politische Frage. Ich denke nein, sonst gibt es Gewalteskalationen und Bürgerkrieg. Die Menschen brauchen das, sie müssen ihren Ärger Luft machen. Auch wenn es Infektionen fördert glaube ich, ist es besser, sie zu lassen.

Wären dann mehr positive Anreize, wie die Lockerungen für Geimpfte aus Ihrer Sicht ein denkbarer Weg?

Ja auf alle Fälle und dann die stufenweise Öffnung der Gastronomie und der Bekleidungsgeschäfte. Für alle! Nicht nur der Baumarkt. Ich war da letztens… krass wie voll es da war.

Was würden Sie sich von der Politik in diesem Land wünschen? Sollte z.B. der harte „Bundeslockdown“ kommen?

Nein, das wäre ja, wie wenn ich alle Kinder ins Bett stecke, nur weil eines Fieber hat. Was ich mir wünsche? Dass Söder in Bayern bleibt. Frau Merkel macht das schon richtig. Sehr schwieriger Job momentan, doch sie macht das ganz gut.

Ein großes Thema sind Masken und Impfungen. Sie haben erzählt, einige Menschen kommen nach einer AstraZeneca Impfung zu euch. Muss man sich hier Sorgen machen?

Nein ich denke nicht. Das ist viel Psychodruck von den Medien und dann haben sie Angst. Ich würde mir tatsächlich alles impfen lassen (ich hab Biontech bekommen im Januar), alles besser als COVID haben/bekommen.

Wie Sie erzählt haben, tragen Sie eigentlich den gesamten Tag die Masken, teilweise mehrere übereinander. Können Sie nachvollziehen, wenn es Menschen gibt, die sich dagegen wehren Masken in öffentlichen Bereichen zu tragen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe Asthma, trotzdem habe ich diese Maske auf und noch eine zusätzlich. Wegen mir sollte jeder der sie braucht welche gestellt bekommen, das ist lebenswichtig und überlebenswichtig

Braucht sie jeder?

Jein. Ich arbeite mit infektiösen Patienten, ich würde immer eine aufsetzen. Beim Einkaufen ist es Pflicht, also trage ich sie, auch wenn ich mich nicht mit Corona anstecken kann.

Sie können sich nicht anstecken, weil Sie geimpft sind, oder weil es eher unwahrscheinlich ist beim Einkaufen?

Ich denke das Zusammenspiel Impfung, Einkaufen ohne engen Kontakt, großer Laden, daher denke ich kann ich, ich kann mich nicht anstecken. Mit der Impfung allein mich drauf verlassen, dass ich mich nackt anstecken kann? Nein. Weitergeben? Ja das kann ich nicht ausschließen.

Wenn Sie sich eine Sache wünschen dürften, was wäre das aktuell?

Egal was? Keine Pandemie mehr! Dann Urlaub buchen und ab!

Ich danke Ihnen! Für die Antworten, für die viele (Frei-)Zeit und Ihren Einsatz für uns alle!