Heute geht bei Siemens die Ära von Vorstandschef Joe Kaeser zu Ende. Über den Führungswechsel, seine Erfahrungen an der Konzernspitze und seine Kritik am Krisenmanagement der Politik in der Corona-Pandemie hat er mit RTL/ntv gesprochen.

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Foto: Siemens AG

Kaeser kritisiert das Krisenmanagement der Politik in der Corona-Pandemie:

„Es gibt nichts Schlimmeres als Besserwisser und ungefragte Ratschläge. Aber ich muss schon sagen, dass die Umsetzung dessen, was man in einem guten Dialog auch immer wieder zwischen den Ministerpräsidenten und -präsidentinnen und der Bundesregierung macht, schon sehr verbesserungsfähig und verbesserungswürdig ist. Das mag auch damit zu tun haben, dass wir ein sehr stark gegliedertes System haben – von Bund nach Land, Bezirk, Landkreis bis hin zu Gemeinden. Das hilft natürlich in Krisensituationen nicht, da muss man durchgreifen und auch eine stringente Logistik und eine klare Linie haben, wie man die Dinge umsetzt, sonst geht das schief. Und das sehen wir auch. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir auch diejenigen jetzt einsetzen, die so etwas können, zum Beispiel die Bundeswehr. Die Bundeswehr kann Logistik. Sie haben medizinische Versorgung, sie sind mobil. Wir müssen jetzt schneller zu Potte kommen und eine stringentere Umsetzung von durchaus guten, organisierten Konzepten erreichen.“

„Ich glaube schon, dass die Pandemie jetzt zeigt, dass das föderale System noch einmal überprüft werden muss.“

„Ich meine, wenn die Jugend, die Zukunft unserer Gesellschaft, nicht in der Lage ist, die Bildung auf einem digitalen Weg zu bekommen, dann haben wir ein Problem als eines der Wirtschaftsländer Nummer eins in der Welt.“

Kaeser freut sich über Konzernwachstum:

„Ich freue mich ganz besonders, dass am Ende auch die Rechnung aufzugehen scheint und wir auch überall, auch im Aktienkurs und im Wachstum die Impulse sehen, die wir uns vorgenommen haben. Ich freue mich natürlich auch ganz besonders, dass ich heute ein in weiten Teilen gut bestelltes Haus an meinen Nachfolger übergeben kann.“

„Es ist nicht so wichtig, was man über sich selber denkt, sondern was andere auch später mitnehmen und vor allem, was bleibt.“

Zu seinen Erfahrungen an der Konzernspitze:

„Was ich glaube schon auch gelernt habe über die Zeit, ist, dass man immer zwischen dem Wünschenswerten und Machbaren differenzieren muss und es besser ist, wenig mit vielen zu erreichen als viel mit wenigen. Es ist, glaube ich, eine ganz wichtige Lektion, die man gerade in einem Umfeld wie in Deutschland oder Europa immer wieder berücksichtigen muss.“

Was ihm aus der Zeit in den USA in Erinnerung bleibt:

„Was man dort schon sehr, sehr schnell merkt, ist, dass dort eine Kultur herrscht des Aufbruchs. Die Leute stehen immer wieder auf, wenn sie auf den Knien sind. Sie gehen immer wieder weiter, wenn sie gescheitert sind. Und das Umfeld ist eben auch so, dass es dort ermöglicht wird. Das ist anders als hier in Deutschland oder in Europa.“