Kalabrische Mafia in Deutschland mit eigenem Aufsichtsgremium

Die kalabrische Mafia ist in Deutschland besser organisiert als bisher bekannt. Ermittler gehen davon aus, dass die `Ndrangheta hierzulande über ein eigenes Aufsichtsgremium verfügt, den Crimine di Germania, berichten MDR und FAZ unter Berufung auf eigene Recherchen. Außerhalb von Italien hat die `Ndrangheta den Erkenntnissen zufolge in keinem anderen europäischen Land solch ein Gremium.

Das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigte auf Anfrage von MDR und FAZ, dass Informationen über einen Crimine di Germania vorliegen. Weitere Details nannte das BKA nicht. Aus internen Unterlagen, über welche die beiden Medien berichten, geht allerdings hervor, dass das geheime Gremium offenbar mindestens einmal im Jahr zusammenkommt.

Die Ermittler nennen neun Mitglieder. Der Chef des Gremiums, der Capo Crimine, wird wohl von den wichtigsten Vertretern der `Ndrangheta in Deutschland bestimmt. Auch Vertreter der Führungsspitze in Kalabrien sollen an den regelmäßigen Treffen teilnehmen. Zu den Aufgaben des Crimine zählt es demnach, zwischen den Interessen der einzelnen Familienclans der `Ndrangheta in Deutschland zu vermitteln und Streit zu verhindern.

Eingeführt wurde das Aufsichtsgremium offenbar in den Jahren nach den „Mafiamorden von Duisburg“. 2007 wurden dort im Rahmen einer Fehde sechs Männer erschossen. Markus Koths, Leiter der Gruppe Deliktsübergreifende Organisierte Kriminalität beim BKA, sagte MDR und FAZ: „Deutschland ist nicht nur ein Rückzugsraum für die Italienische Organisierte Kriminalität, sondern auch Aktivitätsraum. Hier werden illegale Geschäfte vollzogen und es kommt zu schweren Straftaten.“

Die deutschen Sicherheitsbehörden nehmen an, dass es hierzulande mindestens 18 bis 20 Zellen der kalabrischen Mafia gibt, etwa in Konstanz, Bremen, Saarbrücken und Dresden. Und weil es Kronzeugenaussagen gibt, wonach zu einer Ortszelle mindestens 50 Männer gehören, vermuten die Ermittler, dass es bis zu 1.000 Mitglieder der `Ndrangheta in Deutschland geben könnte. Die mutmaßlichen Mitglieder des Crimine leben nach den Informationen von MDR und FAZ im Westen und im Süden des Landes. Nur einer wird in Erfurt verortet, wo die Sicherheitsbehörden schon um die Jahrtausendwende in einem umfangreichen Verfahren dem Verdacht nachgingen, dass die `Ndrangheta dort in großem Stil Geld wäscht.

Das Ermittlungsverfahren wurde allerdings ohne Anklage eingestellt. Die meisten Mitglieder des deutschen Crimine sind Gastwirte. Als möglichen Hauptsitz des Gremiums nennen die Ermittler Duisburg, weil dort in der Gegend der mutmaßliche Capo Crimine lebt, also der ranghöchste Vertreter der kalabrischen Mafia in Deutschland. In der Hierarchie der `Ndrangheta untersteht der Crimine di Germania offenbar direkt dem Crimine di Polsi in Kalabrien.

Dieser ist benannt nach dem Marienwallfahrtsort Polsi im kalabrischen Gebirge Aspromonte, wo sich das höchste Aufsichtsgremium der kalabrischen Mafia in der Vergangenheit immer wieder getroffen hatte. Die `Ndrangheta gilt als eine der mächtigsten und gefährlichsten kriminellen Organisationen weltweit.