Keine Geburten in Aichacher Krankenhaus mehr möglich – kurzfristige Perspektive fehlt

Es gibt eine neue Entwicklung bei der Geburtshilfe am Krankenhausstandort Aichach und sie gibt Anlass zur Sorge. Die letzten Hebammen beenden zum Jahresende ihren Dienst. Die Geburtshilfestation kann so nicht weiter betrieben werden.

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Foto: Christoph Bruder

Von den zuletzt vier Hebammen werden zum Jahresende zwei ihren Dienst als Beleghebammen beenden. Eine weitere Hebamme wird demnächst selbst Mutter und deshalb in den nächsten Monaten wegen Mutterschutz und Elternzeit nicht zur Verfügung stehen. Somit wäre ab Januar nur noch eine Beleghebamme einsatzbereit. Auch die Gynäkologen haben angekündigt, ab dem kommenden Jahr nur noch für die operative Gynäkologie zur Verfügung zu stehen. Das macht einen Betrieb der Geburtshilfestation am Krankenhaus Aichach auf absehbare Zeit unmöglich.

Die beiden langjährigen Hebammen Dagmar Schmaus und Selma Nuray: „Diese Entscheidung ist uns extrem schwer gefallen, aber wir arbeiten seit Monaten am Limit, haben teilweise zu Dritt den Stationsbetrieb am Laufen gehalten. Wir fühlen uns am Rande unserer Kräfte, was sich mittlerweile auch gesundheitlich auswirkt. Trotz des umfassenden Maßnahmenkatalogs des Landkreises haben wir – mit Blick auf unsere leider erfolglosen Bemühungen in den letzten Monaten – große Bedenken, kurzfristig die Anzahl an Beleghebammen nach Aichach zu bekommen, die für einen gut funktionierenden Betrieb notwendig wäre.“

Die Aichacher Gynäkologen Dr. Sorin Turcu-Reiz und Dr. Ronald Goerner schätzen die Situation ähnlich ein. Sie halten einen dauerhaften Betrieb der Geburtshilfe mit zwei bis drei Beleghebammen für nicht machbar.

Geschäftsführer der Kliniken an der Paar, Dr. Krzysztof Kazmierczak: „Die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die personelle Situation im Bereich der Geburtshilfe haben sich in den letzten zehn Jahren bundesweit massiv verschlechtert. Darunter leiden vor allem kleinere Kliniken im ländlichen Raum.“

Für den Landkreis und den Werkausschuss stellt Landrat Dr. Klaus Metzger fest: „Die Hebammen haben über Jahre hinweg in einem schlecht organisierten und finanzierten System großartige Leistungen für werdende Mütter und Kinder erbracht. Weder ihnen noch den Gynäkologen kann die höchst unbefriedigende Situation angelastet werden. Gleiches gilt für den Landkreis, der seit 2014 alles in seiner Macht Stehende versuchte. Es zeigt sich wieder einmal das bundespolitische Versagen in einem Gesundheitssystem, das erbrachte Leistungen nicht angemessen honoriert und so gerade auf dem Land Kommunen an den Rand nicht nur des finanziell Möglichen bringt. Diese Rahmenbedingungen machen es selbst bei größten, auch finanziellen Anstrengungen kleinen Standorten unmöglich, für Hebammen und Gynäkologen attraktiv zu sein.“

Der Landrat skizzierte noch einmal die intensiven Bemühungen des Landkreises in den letzten vier Jahren, den Betrieb der Geburtshilfe in Aichach in die richtige Bahn zu lenken: Bereits Anfang November 2014 widmete sich der Werkausschuss dem vielschichtig schwierigen Thema „Geburtshilfe“ und fasste einstimmig einen außergewöhnlichen Beschluss, der die Übernahme von 80 % der Kosten der Berufshaftpflichtprämien der Hebammen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht auf den Weg brachte. Dieser Beschluss wurde noch im Dezember 2014 konkretisiert.

Das Inkrafttreten des Antikorruptionsgesetzes im Jahr 2016 schob dieser Maßnahme einen Riegel vor, wurde aber zum Teil durch Zuschläge der gesetzlichen Krankenversicherung kompensiert.

Aus Sicht des Landkreises stand die Situation der Hebammen resp. der Geburtshilfe nicht nur im zuständigen Ausschuss, sondern auch im Tagesgeschäft permanent auf der Agenda. Entscheidend war die Frage: „Was ist rechtlich zulässig?“. Ab August 2017 intensivierten sich die Aktivitäten, die den Standort Aichach auch zukünftig sichern sollten. Im Dezember 2017 reagierte der Landkreis unmittelbar auf das am 05.12.2017 beschlossene „Zukunftsprogramm Geburtshilfe“; bereits am 14.12.2017 wurde eine dringliche Anordnung zur Trennungsrechnung im Betrauungsakt für dieses Förderprogramm unterzeichnet.

Über das Jahr 2018 hinweg versuchte die Verwaltung in unzähligen An- und Nachfragen, von den zuständigen Stellen (Gesundheitsministerium, Landkreistag) konkrete Aussagen zu bekommen, welche Handlungsoptionen bestünden, um mit eigenen Maßnahmen stabilisierend wirken zu können. Erst am 04.10.2018 bekam der Landkreis dann eine halbwegs zufriedenstellende Antwort. Sofort wurde im Benehmen mit den Beteiligten und dem Werkausschuss ein vielschichtiges Maßnahmenpaket mit einem Volumen von etwa einer Viertelmillion Euro vorbereitet und diskutiert, das dann am 06.11.2018 der Presse vorgestellt wurde. In einem zeitlich vorgelagerten Gespräch mit Hebammen und Gynäkologen wurde um Vorschläge gebeten, wie die Gelder gerne auch anders, vielleicht noch gerechter verteilt werden könnten. „Es ist extrem bedauerlich, dass wir nicht die Zeit bekommen haben, die nötig gewesen wäre, damit die Maßnahmen des Landkreises ihre Wirkung entfalten“, so Metzger.

Bürgermeister Klaus Habermann: „Natürlich bin ich tief betroffen über diese Entwicklung, hatten wir doch gerade bei den Entbindungen eine positive Entwicklung in Aichach zu verzeichnen, die mit Inbetriebnahme des neuen, topmodernen Krankenhauses sicher noch weiter ausbaufähig gewesen wäre. Ich mag nicht glauben, dass damit jetzt in den benachbarten Großräumen Aichach und Schrobenhausen bis auf Weiteres keine Geburten mehr möglich sein sollen!?“

Landrat: „Ich bin, wir alle sind zutiefst frustriert. Wir meinen aber, es den werdenden Müttern mindestens schuldig zu sein, klare Verhältnisse zu schaffen. Ein Hin und Her beim Betrieb der Geburtsstation schafft nur Unsicherheit und hilft niemandem. Wir werden, unter veränderten Rahmenbedingungen, alles daran setzen, mittelfristig einen aussichtsreichen Neustart der Geburtshilfe in den Räumen der Klinik in Aichach zu schaffen. Ich sehe da insbesondere die neu gewählte Staatsregierung in der Pflicht, die in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich betont, dass sie die wohnortnahe Versorgung mit Hebammen und Geburtshilfeeinrichtungen sichern will.“

Unabhängig davon haben die Kliniken bereits Sondierungsgespräche geführt, um in Kooperation mit der zukünftigen Uniklinik Augsburg in Friedberg eine Hauptabteilung für Geburtshilfe zu gründen, natürlich im Benehmen mit dem momentan in Friedberg tätigen Team. Sollte dieses Projekt erfolgreich umgesetzt werden können und ausreichende Anzahl an Gynäkologen und Hebammen vorhanden sein, könnte man im nächsten Schritt die Zusammenarbeit auch auf das Krankenhaus Aichach ausweiten.

Die beiden Beleggynäkologen werden gemeinsam mit den Hebammen bis Jahresende in Aichach weiterhin medizinisch notwendige geplante Kaiserschnitte durchführen. Ihre operative Tätigkeit im Bereich der Gynäkologie werden sie weiterhin fortsetzen.