Bis zum heutigen Tag haben sich bereits mehr als 13 Millionen Ukrainer auf die Flucht begeben, darunter rund sieben Millionen Menschen, die vor allem in Europa Schutz und Zuflucht bekommen haben, und mindestens sechs Millionen mussten sich innerhalb des Landes ein neues Zuhause suchen. Ganz im Gegensatz zum Greul und dem Schrecken des Krieges brennt in vielen Teilen des Landes noch immer die Flamme des Optimismus und der erträumten Einheit weiter hell in vielen ukrainischen Herzen, aber auch in jenen Ländern, in die die Kriegsvertriebenen geflüchtet sind. Mittels Kunst, Musik und Humor soll dieser Hoffnungsschimmer weiter das Land erhellen.

Ein Pinsel mächtiger als ein Schwert

Gamlet Zinkivskiy, ein ukrainischer Street-Art Künstler, fand sich vor kurzem auch in den Schlagzeilen der internationalen Medien wieder, als Journalisten auf seinen künstlerischen Beitrag im Kampf gegen die russischen Streitkräfte aufmerksam geworden waren. Er kreierte auf öffentlichen Plätzen mehrere Wandbilder, um die Moral der kampferprobten ukrainischen Verteidiger der Stadt Charkiw zu heben, was den russischen Streitkräften sichtlich nicht genehm war.

Obwohl er seinen Lebensunterhalt durch seine Kunst verdient und seine weitere Karriere in England fortsetzen wollte, entschied sich Zinkivskiy am Verteidigungskampf teilzunehmen. Er verwendete jedoch jene Waffe, die er am besten beherrscht, und mit der er Angst und Schrecken ins gegnerische Lager bringen kann – den Pinsel.

Rekrutiert wurde er vom prominenten ukrainischer Geschäftsmann Kizhemyako, der eine Freiwilligenmiliz gegen Russland aufgestellt hat. Er ist jedoch nicht der einzige Künstler, der in diese Einheit aufgenommen wurde. Auch der berühmten Dichter und Schriftsteller Serhij Schadan hat sich dieser Truppe angeschlossen.

Zinkivskiys neuestes Werk ist ein weiteres Street-Art-Objekt, das den Titel „Hospitality from Hell“ trägt. Hierbei handelt es sich um eine drei Meter hohe Darstellung, auf der Benzinkanister und Benzinbomben dargestellt werden, und damit jenen ukrainische Zivilisten ein Denkmal setzt, die bereits zu Beginn des Krieges bei den russischen Angriffen auf Kiew und Charkiw auf diese Verteidigungsstrategie zurückgegriffen haben, und damit auch Erfolge verbuchen konnten,

Die Namensgebung dieses Werkes – „Hospitality from Hell“ – wurde bewusst gewählt, denn es zielt darauf ab, jene russischen Soldaten zu konterkarieren, die in den letzten Tagen des Februars annahmen, in den Millionenstädten Charkiw und Kiew willkommen geheißen zu werden, aber stattdessen mit Molotow-Cocktails empfangen wurden.

Ein anderes Werke von Zinkivskiy nennt sich „I Keep Balance“, ist eine bildliche Darstellung auf zwei großen Doppeltüren, und zeigt einen Mann, der auf dem Rand eines weißen Blocks balanciert und in einer Hand einen Schutzweste mit einer daran befestigten Aderpresse hält und in der anderen Hand zwei Vögel.

Zinkivskiys Werke wurden einer breiten Öffentlichkeit erst vor kurzem bekannt, andere prominente ukrainische Künstler, die im Moment über ganz Europa verstreut leben müssen, haben bereits zu Beginn des Krieges Stellung zu den Aggressionen Russlands genommen.

So hat beispielsweise der Straßenkünstler Seth nur drei Tage nach Beginn des Konflikts sein Fresko mit dem Titel „Onwards Ukraine“ in der Rue Biot in Paris fertiggestellt. Es zeigt ein junges Mädchen, dessen Haupt mit Blumen und Bändern geschmückt ist, die ukrainische Flagge schwenkt und einige russische Panzer unter ihren Schuhen scheinbar zermalmt hat. Sämtliche gedruckte Arbeiten von diesem Werk waren zum Preis von 55 $ pro Stück innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Andere namhafte Künstler, die ihre Unterstützung für die Ukraine öffentlich gemacht haben, sind der Italiener Tvboy, Andrea Villa, Harry Greb sowie Big Ben aus Frankreich, Stanislav Belovski aus Bulgarien und der Pole Tuse.

Ein wichtiger Sieg beim ESC


Der jüngste Erfolg der Ukraine beim Eurovision Songcontest wurde von vielen Menschen weltweit begrüßt, vor allem, als das Publikums-Voting ganz klar den Ausschlag für das Kalush Orchestra gab. Für die Ukraine und ihren Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj  ist es lebenswichtig, die Welt ständig an das Grauen des Krieges zu erinnern, und das kann auch über die Existenz von Musik und Kultur gut funktionieren. Es hält vor allem das Gedenken an die Kriegswirren am Leben.

Der Song „Stefania“, der schlussendlich beim ESC 2022 triumphierte, war der erste Rap-Song der diese größte Musikshows Europas gewinnen konnten, und hat einen ukrainischen Schlachtruf im Mittelpunkt, der aber geschickt als eine Hommage an die Mutter von Leadsänger Oleh Psiuk verpackt wurde.

Auch am Ende der Aufführung ließ es sich der Frontman der Gruppe nicht nehmen und forderte vor Millionen von Zuschauern, die Weltbevölkerung auf, der Ukraine zu helfen. Er erwähnte auch das damals heiß umkämpfte Asow-Stahlwerk in Mariupol. Diese Statements gingen nicht spurlos an vielen Online-Nutzer vorbei, die vor allem von seiner mutigen Art, Aufmerksamkeit zu erregen, begeistert und angetan zugleich waren. Auch das Staatsoberhaupt schloss sich dem Reigen der Gratulanten an und wies mehrere Male darauf hin, dass solch ein Mut, der aus dem Innersten der Ukraine kommt, die ganze Welt beeindruckt habe. Alsbald kursierte ein Video im Internet, das einen der Soldaten zeigte, der innerhalb des bereits zerbombten Stahlwerks in Mariupol das Stefania-Lied zum Besten gab.

Menschlich zu bleiben und der Welt zu zeigen, dass die Ukraine wichtig ist und ein Existenzrecht besitzt, während man sich auf subtile Weise den russischen Streitkräften widersetzt, hat auch international für Aufsehen gesorgt. Mehr als 1.000 Unternehmen haben sich seit Kriegsbeginn aus Russland zurückgezogen, nicht nur um die Ukraine zu unterstützen, sondern auch um die Wirtschaft der Invasoren zu schwächen und zu destabilisieren. Bekannte Namen wie Amazon, Apple, Starbucks, BMW, Coca-Cola und Pepsi haben diesen Schritt gemacht und sogar einige der besten und bekanntesten Online-Casinos und Wettanbieter, wie bet365, boykottieren auf ihre Art und Weise nun Russland.

Der schwarze Humor

Kein anderes Adjektiv kann den ukrainischen Humor besser beschreiben als „schwarz“. Die Ukrainer sind verliebt in ihre Witze, bezeichnen den Aprilscherz als „Humorina“ und haben ihn als den Feiertag des Humors ernannt. Vor allem in Odessa, der Stadt am Schwarzen [sic] Meer, wird dieses Datum als der Tag der Freundlichkeit und des geistreichen Humors begangen.

Auf die gleiche Art und Weise ist es den Ukrainern gelungen, den Humor als Teil ihres Widerstands gegen Russland einzusetzen. Selbst mitten in den Kriegshandlungen finden sich ukrainischen Zivilisten und Bauern, deren Bilder im Internet zu finden sind, die sich auf zerstörter und verlassener russischer Artillerie oder auf Panzern ablichten lassen.

In einem viral gegangenen YouTube-Video mit dem Titel „Ukrainische Traktoren gegen russische Panzer“ sind beispielsweise Landwirte zu sehen, die einen Traktor benutzen, um einen erbeuteten russischen Panzer über die winterlichen Felder abzuschleppen.

Aber auch der offizielle Twitter-Account des Landes hat ein Meme gepostet, in dem verschiedene Arten von Kopfschmerzen illustriert werden. Da war ein Kopf mit einem kleinen roten Fleck auf der Vorderseite und stand für das Unwohlsein bei Migräne, ein anderer hatte ihn auf der Rückseite und stand für Bluthochdruck, aber das Highlight war ein ganz roter Kopf, der unter der Nachbarschaft von Russland litt.

In einem weiteren Meme fragt „Hawkeye“ aus „The Avengers“ einen ukrainischen Soldaten: „Sind Sie einer der Avengers?“ Die Antwort lautet: „Nein, ich bin von der ukrainischen Post“, dieses Posting stammt von Sergej Chizhikov, einem ehemaligen Postangestellten, der sich nach der russischen Invasion des Landes den ukrainischen Streitkräften anschloss und die ganze Welt verblüffte, als er einen russischen Su-35-Kampfjet abschoss.

Ein anderes Meme berichtet von einem ukrainischen Soldaten, der es zu Wege gebracht hat, das russische Flaggschiff Moskwa zu versenken, und der dann anschließend auf einer Briefmarke verewigt wurde, die innerhalb weniger Tage bereits ausverkauft und vergriffen war, um dann später unter Sammlern für 100 US-Dollar pro Stück erworben zu werden.

Humor ist zu einem großer Teil eine der Überlebensstrategien der Ukrainer geworden und ein Teil der sozialen und soziokulturellen Eigenart des Landes. Sogar Präsident Selenskyj erlangte in der Ukraine, aber auch in Russland, große Popularität als Schauspieler, Synchronsprecher, Fernsehmoderator und Komiker, als er das von ihm mitbegründete „Kvartal 95“ Studio leitete. Die Gruppe machte sich jahrelang nicht nur über Putin sondern auch um hochrangige und korrupte ukrainische Politiker lustig. So wurde beispielsweise Putin einmal als ein Baby beschrieben, das sein Gase kontrollieren kann, und auch der russische Premierminister Medwedew bekam sein Fett ab, als behauptet wurde, er unterstütze die Präsenz von Facebook in Russland einzig und allein, weil die Plattform der einzige Ort auf der Welt sei, an dem er Freundschaften schließen könne.

Humor funktioniert natürlich nicht nur in der Ukraine gut, sondern war auch während der Zeit des Nationalsozialismus ein beliebtes Mittel dem Alltagsgrauen zumindest für einen Moment zu entfliehen. Aber vor allem in der Ukraine ist dieses Element zu einem Werkzeug der Individualität und der Unabhängigkeit des Landes angesichts der russischen Invasion geworden. Humor kann auch in den dunkelsten Stunden nicht schaden, denn er löst im positiven Sinn geistige und körperliche Veränderungen aus, die auch mithelfen, Stress abbauen. Aber leider gibt es zum Schmunzeln in dieser Zeit der Krisen relativ wenig, aber lassen Sie uns nur das Beste hoffen.