Mehr Leistung für Betroffene von Missbrauchs- und Gewaltfällen im kirchlichen Kontext

Der Apostolische Administrator und ernannte Bischof von Augsburg, Dr. Bertram Meier, hat soeben eine „Anerkennungs- und Unterstützungsordnung der Diözese Augsburg für Betroffene sexuellen Missbrauchs oder körperlicher Gewalt im kirchlichen Kontext“ unterzeichnet. Sie wird im Amtsblatt für die Diözese Augsburg veröffentlicht und gilt ab dem 1. Juni 2020.

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„Es war mir ein äußerst wichtiges Anliegen, mit dieser Ordnung, die nun zügig für unser Bistum in Kraft gesetzt wird, den Betroffenen auch eine finanzielle Perspektive zu eröffnen. Ich wollte hier nicht länger zuwarten und die betroffenen Personen vertrösten“, erklärt Bischof Dr. Bertram Meier (Foto: Nicolas Schnall / pba).

Für die betroffenen Menschen ist durch die Erfahrung mit sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt die Kirche mit negativen Erinnerungen belegt. Die Verantwortlichen der Diözese sind sich bewusst, erfahrenes Leid nicht ungeschehen machen zu können. Dennoch soll mit dieser Ordnung den Betroffenen bei der Bewältigung des Leids geholfen, zur Linderung der Folgen beigetragen und auch ein Weg zur Wiedergutmachung eröffnet werden.

Somit möchte die diözesane Anerkennungs- und Unterstützungsordnung der Tatsache Rechnung tragen, dass Missbrauch in nicht wenigen Fällen berufliche und gesundheitliche
Langzeitfolgen haben kann. Insbesondere sollen Betroffenen Leistungen in Form einer laufenden Unterstützung gewährt werden können, wenn sie ihren notwendigen Lebensunterhalt nicht ausreichend aus eigenen Kräften und Mitteln bestreiten können.

„Es war mir ein äußerst wichtiges Anliegen, mit dieser Ordnung, die nun zügig für unser Bistum in Kraft gesetzt wird, den Betroffenen auch eine finanzielle Perspektive zu eröffnen. Ich wollte hier nicht länger zuwarten und die betroffenen Personen vertrösten“, erklärt Bischof Bertram anlässlich der Unterzeichnung dieser Ordnung. „Damit soll im Übrigen einer noch ausstehenden Regelung, die auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz erfolgen soll, nichts vorweggenommen werden. Aber mir war es wichtig, schon jetzt, also vor einer gemeinsamen Regelung dieser Frage der Anerkennungsleistungen auf Ebene der
Bischofskonferenz rasch zu handeln und auf dem Gebiet unserer Diözese den Betroffenen eine Perspektive zu eröffnen, um die sie uns immer wieder gebeten haben. Mein Anliegen ist es, dass wir zu diesem Thema ein klares Signal setzen und Verantwortung zeigen. Wir haben jetzt als zweites deutsches Bistum nach dem Erzbistum Freiburg feste diözesane Vorgaben“, so Bischof Bertram. Er sei sich dabei durchaus bewusst, dass sich manche Betroffene andere, viel höhere Summen vorstellten. Den Verantwortlichen in der Diözese sei es jedoch wichtig gewesen, sich an bereits bestehenden Ordnungen zu orientieren, etwa den Regelungen der Österreichischen Bischofskonferenz und vor allem der Ordnung des Erzbistums Freiburg, aber auch am Bürgerlichen Recht (BGB) sowie den Grundsätzen des Unterhaltsrechts. Dadurch habe aber eine Lösung gefunden werden können, die über die Grenzen einer einzelnen Diözese hinaus und auch im europäischen Kontext als rechtskonform und gerecht bezeichnet werden könnte.

Konkret sieht die nun erlassene diözesane Ordnung insbesondere die Zahlung höherer finanzieller Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids als bisher vor. Die Gewährung einer monatlichen Unterstützung ist neu in diese Regelung aufgenommen worden und hat es bislang so nicht gegeben. Die Übernahme von Kosten für Therapie und Paarberatung und die Einrichtung einer diözesanen Stelle für Begleitung und Begegnung sind ebenfalls in
dieser Ordnung vorgesehen.

Betroffene erhalten individuell festgelegte Einmalzahlungen; diese können je nach Schwere des Falls in mehreren Stufen bis auf über 25.000 Euro erhöht werden. Bei der Gewährung einer Unterstützung sieht die Ordnung monatliche Zahlungen vor, die sich an den wirtschaftlichen Verhältnissen orientieren; als Gesamtbetrag sind hierfür maximal 75.000 Euro vorgesehen. Unmissverständlich wird in der diözesanen Ordnung zudem betont, dass die Finanzierung dieser Leistungen nicht aus Mitteln der Kirchensteuer erfolgen wird. Vielmehr werden hierzu ausschließlich die Mittel des Bischöflichen Stuhls herangezogen.

Neben der neu zu errichtenden diözesanen Stelle für Begleitung und Begegnung sieht die diözesane Anerkennungs- und Unterstützungsordnung „Sachwalter“ als wichtige Ansprechpartner für die Betroffenen vor. Diese werden vom Bischof von Augsburg benannt und dürfen in keinem kirchlichen Arbeitsverhältnis  stehen. Hierfür hat Bischof Dr. Bertram Meier bereits Herrn Michael Triebs benannt, Richter im Ruhestand am Oberlandesgericht
München. Er wird deshalb seine Aufgabe als diözesaner Ansprechpartner für Fälle sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt abgeben. Diese wird zeitnah eine andere, noch zu
benennende Person wahrnehmen. „Ich bin Herrn Triebs sehr dankbar für seine Bereitschaft, diesen so wichtigen ehrenamtlichen Dienst im Sinne der Betroffenen wahrzunehmen“, betont Bischof Bertram. Sein Dank gelte zudem allen, die an der Aufarbeitung mitwirken. „Wir dürfen und werden in der Aufarbeitung nicht nachlassen. Meine Zeit als Bischof wird sich auch daran messen lassen müssen, wie ich mit diesem dunklen Kapitel unserer Vergangenheit als Kirche umgegangen bin und was ich getan habe, dass sich derartiges nie mehr wiederholt und nicht zuletzt auch, wie wir den Betroffenen geholfen haben.“