Merkel wies den Vorwurf zurück, sie setze im Vergleich zu Macron weniger europapolitische Impulse, er gelte als Reformer, sie als Bremserin. „Wir finden immer eine Mitte“, sagte die Kanzlerin der „Süddeutschen Zeitung“. Zudem habe Deutschland „eine ganze Reihe von Initiativen angestoßen“. Als Beispiel nannte sie das Engagement auf dem Balkan, sowie die sogenannten „Compacts with Africa“ während der deutschen G20-Präsidentschaft.

„Damit haben wir einen Prozess in Gang gebracht, der helfen wird, private Investitionen in die afrikanischen Staaten zu bringen“, so die CDU-Politikerin weiter. Auch mit der G20-Agenda zur globalen Gesundheit habe die Bundesregierung „Akzente gesetzt“. Die Kanzlerin verwies zudem auf Unterschiede in den Ämtern und politischen Kulturen. „Ich bin die Bundeskanzlerin einer Koalitionsregierung und dem Parlament viel stärker verpflichtet als der französische Präsident, der die Nationalversammlung überhaupt nicht betreten darf“, sagte Merkel.

Aber in den Kernfragen – „wohin entwickeln sich Europa, die Wirtschaft, welche Verantwortung tragen wir für das Klima und für Afrika“ – sei man „auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge“. Dies gelte auch in der Frage, „wo wir gegebenenfalls unabhängig von den Vereinigten Staaten agieren müssen, auch wenn ich mir solche Situationen eigentlich nicht wünsche“, so Merkel weiter. Sie verwies auch auf das unterschiedliche Selbstverständnis beider Staaten. „Frankreich hatte als Teil der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg selbstverständlich eine andere Rolle als Deutschland. Frankreich ist Nuklearmacht, es ist Vetomacht im UN-Sicherheitsrat“, so die Kanzlerin. Mit Blick auf die Europawahl in der kommenden Woche sagte Merkel, sie sei „von großer Bedeutung, eine besondere Wahl“. Viele machten sich „Sorgen um Europa, auch ich“. Daraus entstehe bei ihr ein „noch einmal gesteigertes Gefühl der Verantwortung, mich gemeinsam mit anderen um das Schicksal dieses Europas zu kümmern“, so die Bundeskanzlerin weiter. Macron hatte vor einigen Wochen in einem Appell an alle Europäer geschrieben, Europa sei „noch nie in so großer Gefahr“ gewesen. Diesen Satz machte sich Merkel nicht zu eigen. „Europas heutige Lage mit den Gefährdungen früherer Jahrzehnte zu vergleichen, fällt mir schwer, weil ich damals nicht dabei war und heute aktiv im Geschehen stehe“, sagte Merkel der „Süddeutschen Zeitung“. Auf den Einwand, auch Macron stehe aktiv im Geschehen, sagte sie: „Das stimmt, aber er ist es noch nicht so lange. Noch bringt er gewissermaßen auch ein wenig die Perspektive von außen mit. Es ist gut, wenn wir unser Europa aus verschiedenen Blickwinkeln sehen“, so die Kanzlerin weiter.