Als am Sonntagabend gegen 21.20 Uhr die letzten Medaillen in der Leichtathletik vergeben worden sind und das große Abschlussfeuerwerk begann, waren elf aufregende Sporttage in München vorbei. 50 Jahre nach Olympia 1972 standen der historische Olympiapark und einige andere Sportstätten im Mittelpunkt des europäischen Sports. Die „Championships 2022“ haben rund 1,5 Millionen Menschen in die Stadien bewegt, viele Millionen an den Bildschirmen waren Augenzeugen und die bayerische Metropole rückte täglich von morgens bis abends in den Blickpunkt.

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Das Olympiastadion war „Heimat“ der Leichtathleten | Foto: Thomas Niedermüller / Munich 2022

Trotz einiger organisatorischer Defizite und kleinen Ärgernissen, von denen die meisten Zuschauer wenig oder gar nichts mitbekommen hatten, zeigte München, dass es in der Lage ist, so ein schwieriges Großereignis mit neun Sportarten recht gut über die Bühne zu bringen. Die Stadt erlebte ein neues Sommermärchen, mit Unmengen an Zuschauern – zum Teil bei freiem Eintritt -, beinahe dauernd großartigem Wetter, mitreißender Atmosphäre und tollen Erfolgen deutscher Sportler. Die TV-Sender transportierten das Sportfest täglich fast rund um die Uhr in die ganze Welt. “Es ist grandios, wie gut eine Großveranstaltung aufgenommen werden kann, wenn sie richtig aufgezogen ist. Die positive Stimmung hat sich in der ganzen Stadt verbreitet.” Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, hat einen großes Lob an die Veranstaltung und alle Mitarbeitenden ausgesprochen.

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Münchens OB Reiter war hochzufrieden | Foto: Hannes Magerstaedt / Munich 2022

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­Rund 100 Millionen Euro kostete das Multi-Event, für die zu einem großen Teil die öffentliche Hand aufkommt. Die „Spiele“ von München machen Lust auf mehr, auf viel mehr. Viele Funktionäre sprachen in den vergangenen Tagen (größtenteils hinter vorgehaltener Hand) davon, dass sich der deutsche Sport aufgrund dieser Veranstaltung in jedem Fall nochmals mit Olympia befassen müsste. Zwar betreibt das IOC eine massive Kommerzialisierung der Spiele, dagegen standen die European Championships für ein Konzept, das auf Gigantomanie verzichtet und vorhandene Wettkampfstätten, wie etwa dem Olympiastadion, der Olympia- und der Rudi-Sedlmayr-Halle, genutzt hat. Nach dem gleichen Konzept fand kurz vorher die Weltmeisterschaft im Kanuslalom auf dem sanierten Augsburger Olympia-Eiskanal statt.

Nachhaltige Sportstättennutzung als Erfolgsmodell

Bis 2032 sind die Sommerspiele vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vergeben, in Augsburg und München fand 1972 der letzte Olympia-Bewerb in Deutschland statt. Seitdem scheiterten sieben Olympia-Kandidaturen vorrangig an der mangelnden Rückendeckung der Bevölkerung und den enormen Kosten, die auf den Steuerzahler zukommen. Zusätzlich machen es die Knebelverträge des IOC (Das Motto lautet: Die Gewinne streichen wir ein, das Risiko und die Kosten schultert ihr) und die geforderte Steuerfreiheit nicht einfacher. „Auch wenn das IOC eine Hürde darstellt, sehe ich eine Bewerbung für Olympische Sommerspiele als große Chance für unsere Stadt und die Region. Ein solches Sportfest auf größtenteils bereits vorhandenen Olympiaanlagen wäre einmalig. Das Konzept muss gut durchdacht werden: nachhaltig, ökologisch, inklusiv, basierend auf demokratischen Werten und Überzeugungen“, sagt Münchens Sportbürgermeisterin Verena Dietl.

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Die Kanuslalom-WM in Augsburg war ein voller Erfolg Foto: Karl Luckner

Nachhaltig war auch die Nutzung des Augsburger Eiskanals, auf der olympischen Strecke von 1972 fanden vor kurzem die Kanuslalom-Weltmeisterschaften statt. Stadt und Freistaat hatten für die Sanierung von Strecke und Olympiapark einen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Gelohnt hatte es sich in jedem Fall. Die Zuschauer strömten auch in der Schwabenmetropole in Scharen an die Sportstätte, die Sportler zeigten sich euphorisch. Auch Dr. Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war begeistert von Zuspruch und Wettkampfstätte: „Mit den Athleten habe ich kurz gesprochen, sie sagen, es ist eine sehr herausfordernde Strecke, so muss für Weltmeisterschaften und Olympische Spiele auch so sein“

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Minister Herrmann war begeistert von der Kanuslalom-WM in Augsburg | Foto: Wolfgang Czech

Auch Bayerns Sportminister Joachim Herrmann hat eine überaus positive Bilanz von den Wettbewerben in den beiden bayerischen Metropolen gezogen: „Das größte Multisport-Event in München seit Olympia 1972 hat in allen Belangen die Erwartungen erfüllt. Die alten Olympiasportstätten erstrahlen in neuem Glanz, mit dem Thema Nachhaltigkeit haben die European Championships vorbildlich Maßstäbe gesetzt und auch vermeintlichen Randsportarten eine angemessene Kulisse verschafft.“und über Augsburg:

NRW-Ministerpräsident will Olympia nach NRW holen

„Sowohl aus organisatorischer als auch als sportlicher Sicht war die Kanuslalom-WM ein riesiger Erfolg. Organisatoren, Veranstalter, Ehrenamtliche, besonders aber unsere Sportlerinnen und Sportler können nach der weltmeisterlichen Show auf dem für 21 Millionen Euro generalsanierten Eiskanal, der ja Teil des UNESCO-Weltkulturerbes der Stadt Augsburg ist, rundum zufrieden sein.“

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Foto: Karl Luckner

Die Championships als Baustein für eine Olympiabewerbung?

Rund 260 Millionen Euro gibt Deutschland für den Spitzensport aus, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) organisiert diesen und verteilt die Gelder. Für DOSB-Chef Thomas Weikert wären die Europameisterschaften ein Baustein für eine neue Bewerbung. „Man kann auch Olympische Spiele ausrichten, ohne Gigantismus. Dies hier war eine sehr gute Veranstaltung mit neun Sportarten und man sieht, dass man darauf gut aufbauen kann“, sagte der Funktionär der Sportschau. Weikert kündigte an, dass man sich mit dem Thema Olympia befassen werde. Bei der DOSB-Mitgliederversammlung im Dezember soll ein möglicher Prozess für eine Olympia-Bewerbung präsentiert werden. Es solle transparent und ergebnisoffen mit allen Beteiligten und Betroffenen diskutiert werden, sagt Weikert, „ob und unter welchen Voraussetzungen eine erneute Bewerbung Deutschlands überhaupt Sinn macht. Oder eben nicht“.

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Senden die Championships ein positives Signal für eine Olympia-Bewerbung? Foto: Annette Luckner

Ganz klar positiv beurteilt Harald Güller die Tage von Augsburg und München: „Ich finde, das alles ist eine Steilvorlage für eine erneute Bewerbung für die Durchführung von Olympischen Spielen und anderen Sportgroßveranstaltungen bei uns“, sagt der sportpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion in München. Jedoch dürfe man sich auch keine Illusionen machen: „Sobald das IOC und andere große Vermarkter wie die FIFA ins Spiel kommen, wird die Sache schwierig. Hier regiert das große Geld und teilweise wohl auch Korruption. Es werden baulich und finanziell gigantische Forderungen gestellt und die Sponsoren regieren die Spiele. Hier sind wir in der Sportpolitik, aber auch die Sportfachverbände, gefordert, dem gemeinsam einen Riegel vorzuschieben.“ Der SPD-Landtagsabgeordnete aus Augsburg fordert, den Schwung der European Championships aufzugreifen, grundlegende Veränderungen beim IOC zu erzwingen, Sport und die Interessen der Zuschauer wieder in den Mittelpunkt zu stellen und sich dann erneut für die Ausrichtung von Olympischen Spielen bewerben.                          

luk