Sechs weitere Stolpersteine erinnern in Augsburg an die Opfer des Naziregimes

An diese Augsburger wird nun erinnert

Georg Halder, Theresienstraße 1

Georg Andreas Halder – Vater von drei Buben und acht Mädchen, er arbeitet als Stukkateur und Schlosser – kommt 1929 mit seiner Familie nach Augsburg. Bereits 1927 konvertiert er zu den Zeugen Jehovas (damals auch Ernste Bibelforscher genannt), die den Nationalsozialisten wegen ihrer kompromisslos nonkonformistischen Haltung von Anfang an
ein Dorn im Auge sind. Die Zeugen Jehovas verweigern sowohl den Dienst an der Waffe als auch den Hitlergruß. Wie seine Glaubensbrüder und -schwestern verweigern sich auch Georg und seine Frau Friederike dem Nazi-Regime und versuchen, ihren Glauben im Untergrund zu leben. 1935 wird Georg Halder zu zwei Monaten Haft verurteilt, kommt danach in U-Haft und dann für weitere zehn Monate ins Gefängnis. Im Frühjahr 1937 tauscht Halder das Gefängnis mit dem Konzentrationslage Dachau. 1941 kommt er vorübergehend frei und am 27. Januar 1943 erneut in Haft. Es wird seine letzte sein. Ein Jahr später, am 18. Februar 1944, dann die Urteilsverkündung: Todesstrafe durch Enthaupten. Am 4. April soll Halder zusammen mit 30 anderen Häftlingen hingerichtet werden, doch er wird schlicht und einfach vergessen. Ein Wärter, der ihn findet, löst seine Fesseln, und Georg Halder spricht mit ihm mehrere Stunden über seine christliche Überzeugung. Erst am 8. April 1944 gegen 22.00 Uhr bemerkt man, dass einer der Todeskandidaten vergessen wurde. Wenige Minuten später wird auch Georg Halder ermordet.

Maria Pfaffenzeller, Reischlestraße 31-33

Maria ist das sechste von 10 Kindern des Textilarbeiters Michael und seiner Frau Adelheid Pfaffenzeller. Sie wohnen im Stadtbachquartier 35. Acht ihrer Geschwister versterben im Kindesalter. Maria ist geistig beeinträchtigt und schwerhörig und kommt mit 11 Jahren nach Ursberg, nachdem ihr Vater an Lungentuberkulose verstorben war. Veranlasst durch die Kanzlei des „Führers“ werden ab Oktober 1939 Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen an die „zentrale Dienststelle“ in Berlin gemeldet, wo 3 Gutachter aufgrund der Formulare, also ohne individuelle Untersuchung der Patienten, über deren Tod oder Weiterleben befinden. Maria wird im November 1940 mit vielen anderen Patienten aus den Heimen von Ursberg, Holzhausen und Lautrach vorübergehend in die Heil-und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren verlegt. Von dort erfolgt am 5. Juni 1941 ihre Deportation mit 70 weiteren Personen, darunter 20 Frauen aus Augsburg nach Hartheim/Linz. Dort erfolgt noch am gleichen Tag ihre Ermordung mit Gas.

Johann Holzheu, Frauentorstraße 4

Johann ist der älteste Sohn von Maria Schmid, geb. Holzheu. Er hat 8 Stiefgeschwister. Nach dem tragischen Tod seines Stiefvaters übernimmt er eine Art Vaterrolle und zeigt dabei hohe soziale Kompetenz. Johann ist hochintelligent und kann hervorragende Zeugnisse und Referenzen vorweisen. Bei seinen Arbeitgebern sowie in seiner Familie ist er hoch angesehen. Dem Nationalsozialismus steht er sehr kritisch gegenüber. Wegen seiner sexuellen Orientierung kommt er in Untersuchungshaft und 1936 ins KZ Dachau, wo er unsäglichen Demütigungen ausgesetzt wird. Im April 1939 machen sich sadistische SS-Schergen einen Spaß daraus, ihn auf der Baracke nackt mit eiskaltem Wasser abzuspritzen. Johann verstirbt am 5. Mai 1939 an einer Lungenentzündung im Alter von 44 Jahren.

Aloysia Kempter, Fuggerei, Ochsengasse 49

Aloisia ist die Tochter des Schreiners Alban Kempter und seiner Frau Christine Kempter, geb. Bussjäger. Sie ist geistig beeinträchtigt. Ihre beiden jüngeren Geschwister Creszentia und Christina versterben im Kindesalter. Die Fuggerstiftung bewilligt infolge der Bedürftigkeit der Familie im März 1926 den Einzug in die Wohnung Nr. 29 der Fuggerei. Nach dem Tod der 76-jährigen Mutter wird dem alkoholabhängigen Vater mit seiner Tochter Aloysia die Wohnung in der Ochsengasse 49 zugewiesen. Weil Alban sich nicht um seine Tochter kümmert, kommt Aloysia im September 1934 ins Schutzengelsheim nach Deybach bei Lautrach. Nach 6 Jahren muss Aloysia in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Seit Oktober 1939 werden von der Zentralen Dienststelle, besser charakterisiert als Tötungsbehörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin sämtliche „unheilbar Kranke“ auf Listen erfasst. 3 Gutachter der Aktion T-4 prüfen diese Patientenlisten am grünen Tisch und senden dann die Namen der Patienten an die Heil- und Pflegeanstalten zurück, die einer „Reichsanstalt“ zugeführt werden sollen.Die Liste vom August 1941 enthält den Namen von Aloisia Kempter und bedeutet ihr Todesurteil. Der Grund der „Verlegung“ in die sogenannte
Reichsanstalt ist die Ermordung der Patienten. Am 8. August 1941 wird Aloisia Kempter gemeinsam mit weiteren 132 Frauen, darunter 21 Augsburgerinnen, von Kaufbeuren aus in die Tötungsanstalt nachbSchloß Hartheim bei Linz deportiert und dort vergast.

Rudolf und Rosa Hirschmann, Katharinengasse 15

Rudolf Hirschmann ist das 5. von 10 Kindern des jüdischen Metzgers Leopold und seiner Frau Mathilde, geb. Gerstle. Seine meisten Geschwister ziehen nach Mainz oder sie emigrieren zu Beginn des 20. Jahrhundert in die USA. Mit ihrer Verehelichung im August 1900 übernehmen Rudolf und Rosa die Metzgerei samt Grundbesitz in der Katharinengasse 15 von den Eltern. Obwohl Rudolf am I. Weltkrieg teilgenommen hat, ist die Familie ab 1933 der kontinuierlich zunehmenden Ausgrenzung, Demütigung und Entrechtung ausgesetzt. Anfang 1939 wird er gezwungen, seinen Gewerbebetrieb und sein Haus und Grundbesitz an den „arischen“ Metzger Michael Schäble zu veräußern. Der Erlös geht auf ein Sperrkonto. Seine Wertpapiere werden bei der Devisenbank hinterlegt. Judenvermögensabgabe und Zwangsabgaben für die Reichsvereinigung der Juden werden vom Konto ebenso abgezogen wie eine erzwungene Reichsanleihe. Die Hirschmanns wohnen auf Miete in ihrem eigenen Haus, vom Sperrkonto darf er nur seinen Lebensunterhalt bestreiten. AmEnde ist die Familie völlig mittellos. Den beiden Söhnen Leo und Ernst gelingt die Emigration ins Ausland. Als Rudolf Hirschmann Fleisch auf dem Stadtmarkt zu kaufen versucht,wird er ertappt und kommt am 8. August 1941 ins KZ Dachau. Im Rahmen eines sog. „Invalidentransportes“ im Rahmen der Aktion 14f13 wird Rudolf vom KZ Dachau nach Hartheim deportiert und dort am 20.Januar 1942 mit Gas ermordet.

Rosa Hirschmann geb. Levite ist die Tochter von Elkan Levite und seiner zweiten Ehefrau Bertha, geb. Schwarz. Rosa zieht mit ihrem Bruder Josef und ihrer Mutter nach dem Tod von Elkan im November 1889 nach Augsburg und lernt dort ihren späteren Mann Rudolf kennen.Nicht ganz drei Monate nach der Ermordung ihres Mannes Rudolf wird Rosa Hirschmann am 4. April 1942, gemeinsam mit 986 jüdischen Bürgern, davon 430 aus Augsburg sowie weiteren Juden aus Regensburg und München über das Sammellager Milbertshofen in das Ghetto von Piaski im Distrikt Lublin des Generalgouvernements deportiert. Auf der uns vorliegenden Deportationsliste wird Rosa Hirschmann als Nr. 51 auf der Seite 41 aufgeführt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird sie in Piaski ermordet.