Sklavenhandel „zum Anfassen“ | Augsburger Fugger und Welser Erlebnismuseum reagiert punktuell auf Rassismuskritik

Nach ersten Recherchen ist Götz Beck, Tourismusdirektor der Regio Augsburg Tourismus GmbH, mehr als erstaunt: Es gibt fast kein Museum in Deutschland, dass sich annähernd umfassend wie das Fugger und Welser Erlebnismuseum mit dem Sklavenhandel auseinandersetzt. Thematisiert wird Sklaverei zwar auch im Missionsmuseum Sankt Ottilien, im Museum Soul of Africa in Essen oder auch im Schifffahrtsmuseum Flensburg – aber kaum irgendwo derart massiv wie in dem unter seiner Leitung konzipierten und 2014 eröffneten Augsburger Haus. 18 Manillen – Armreife aus Bronze oder Messing – dominieren als Exponate eine Museumswand. Anfassen ist erlaubt, und auch die Geschichte dieser Artefakte, die als Primitivgeld Zahlungsmittel beim Sklavenhandel in Westafrika waren, wird im Museum erklärt. Das dafür benötigte Kupfer stammte nicht selten aus Fugger‘schen Bergwerken in Tirol oder in der heutigen Slowakei.

Fugger Und Welser Erlebnismuseum Manillen C.martin Kluger
8 Manillen, einstmals Zahlungsmittel beim Sklavenhandel in Westafrika, gestalten samt erklärender Information eine Wand im Fugger und Welser Erlebnismuseum. Doch obwohl das Augsburger Haus Themen wie Sklavenhandel und Genozid, Ausbeutung und Kapitalismusfolgen mitnichten ausspart, wird das Narrativ der Dauerausstellung kritisiert. Jetzt will das Museum diese Themen noch eindeutiger und leichter verständlich herausarbeiten. Foto: Martin Kluger/context verlag

Auch die Rolle der Welsergesellschaft in den Frühzeiten der Globalisierung wird mitnichten geschönt. Zitat aus dem Text einer Museumsstele : „Wie in allen spanischen Nachbarprovinzen wurden gefangene Ureinwohner verkauft, um Beutezüge zu finanzieren. Indianer wurden ermordet, gefoltert und beraubt. Selbst getaufte Indianer wurden als Träger versklavt, wenige überlebten.“ Dass das Welser’sche Konquista-Unternehmen – übrigens das größte in Spanisch-Amerika – mit der Einfuhr versklavter Afrikaner finanziert wurde, wird im Museum ebenfalls deutlichst formuliert.

Kritik wird ernstgenommen – Ausstellung wird „nachgeschärft“

Dennoch ist dieser Tage ausgerechnet das Fugger und Welser Erlebnismuseum ins Visier der Kritik geraten. Der Autor Mark Terkessidis greift in seinem Buch „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“ das angeblich glorifizierende und verharmlosende Narrativ des Museums an. Götz Beck, Chef der Regio Augsburg Tourismus GmbH, ist durchaus nicht in jedem Punkt der Kritik einverstanden, doch er nimmt sie durchaus ernst. Die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsel sieht er freilich nicht, da das Fugger und Welser Erlebnismuseum nicht nur die Vergangenheit durchaus kritisch beleuchte, sondern sogar die globale Wirtschaft von heute und ihre negativen Folgen hinterfrage. „Nachschärfen“ wird das Museum in den kommenden Monaten aber trotzdem. Die Rolle der Fugger und Welser bei den Schattenseiten der beginnenden Globalisierung wird markanter herausgearbeitet.

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Beck: „Wir werden deutlich machen, dass immer irgendwer für den Reichtum Weniger bezahlen muss – und wer das jeweils war.“ So wird sich das Fugger und Welser Erlebnismuseum mit den sozialen Verwerfungen in den fernen Bergbaugebieten ebenso wie denen in der Reichsstadt Augsburg auseinandersetzen, die durch die Ballung von Kapital in der Hand einiger weniger Familien und auch durch politische Einflüsse entstand. Plakativer als bisher soll dargestellt werden, wie sich die Kapitalballung und die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten gegenseitig bedingten, wie Geld Sozialstrukturen zerstörte oder dass der Fernhandel – etwa mit Indien – meist auch mit bewaffneter Gewalt verbunden war.

„Missverständliche Inhalte einfach besser erklären“

Kritisiert wird auch eine Darstellung von Indianern an der Küste Venezuelas im Museum, zu der Mark Terkessidis schreibt: „Nackt winkten sie ihren ,Entdeckern‘ freudig zu.“ Dabei hat der Autor freilich übersehen, dass diese Indianer mitnichten freudig grüßen, sondern mit Keulen und Bogen drohen. Eventuell wird deshalb künftig eine Texttafel das umstrittene Motiv beschreiben. Sicher ist eines: Jeder Raum und jedes Motiv werde geprüft, sagt Beck. „Missverständliche Museumsinhalte werden wir in Zukunft einfach besser erklären müssen, das ein oder andere werden wir neu installieren“. Dabei wird die Zusammenarbeit mit Kritikern gesucht werden. Auch bei der Neugestaltung einer zuletzt umstrittenen Museums-App zum Thema Sklaverei will Beck diese Kritiker und andere Experten einbinden. Beck sieht die Kritik aber auch als Chance: „Dadurch, dass wir uns mit dieser Thematik befassen, wird das Museum nur noch besser.“