Soziologe sieht Zenit von Corona-Protesten bereits überschritten

Der Soziologe Dieter Rucht, unter anderem Experte für politische Mobilisierung in Europa, sieht den Zenit der Corona-Proteste bereits überschritten. „Meine Prognose ist: Das mag mit den corona-bedingten Protesten jetzt noch ein, zwei Wochen weitergehen. In dem Maße, in dem die Lockerungen greifen, verliert dieses Thema aber an Zugkraft“, sagte Rucht den Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ (Samstagsausgaben).

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Das rechtspopulistische und rechtsradikale Potenzial aber bleibe: „Das wird sich zu neuen Anlässen versammeln“, so der Soziologe weiter. Vielerorts gehe ein bereits bestehendes Netzwerk auf die Straße, es werde nur der Anlass ausgetauscht. „Die Anliegen sind ein bisschen beliebig geworden“, sagte Rucht.

Es gehe darum, Unmut auf die Straße zu tragen und mit „rechtsgestrickten Parolen“ zu unterlegen. Wenn allerdings eine neue, große Welle der Infektionen kommt und erneute Einschränkungen beschlossen werden, glaubt der Soziologe an eine noch größere Rückkehr der Proteste: „Dann wird der Regierung zudem vorgeworfen, bei der Eindämmung gescheitert zu sein“, so Rucht. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich warnte unterdessen: „Es radikalisieren sich zwar nicht große Teile der bürgerlichen Mitte, aber es gibt viele Punkte, an denen Rechtsextreme andocken können“, sagte Rüthrich den Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“. Viele Menschen hätten nagende Zweifel wegen der Corona-Einschränkungen.

„Diese Zweifel könnten sich durchfressen, wenn wir nicht auf Kommunikation, Kontakt und Beruhigung setzen. Und da sind wir zurzeit eingeschränkt, weil wir noch keine eigenen Veranstaltungen anbieten können“, so die SPD-Politikerin weiter. In ihren Büros erreichten sie so viele aufgeregte Briefe wie noch nie zuvor. „Viele kommen von Impfgegnern, und sie sind oft in dem Duktus geschrieben: Wir sind auf dem Weg in eine Diktatur“, sagte Rüthrich.

Der Umgang mit den Protestierenden sei schwieriger als 2015 während der Flüchtlingszuwanderung. „Da konnten wir auf den Rassismus hinweisen, der sich auf den Demos breitmachte, und viele waren davon abgeschreckt. Die Coronakrise trifft aber jede und jeden im privatesten Bereich“, so die SPD-Bundestagsabgeordnete.