Das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) der DDR war bestens über die Lesegewohnheiten westdeutscher Terroristen informiert. Den Spitzeln habe ein Verzeichnis jener Bücher vorgelegen, die Beamte des Landeskriminalamts Baden-Württemberg in der Zelle der Mitbegründerin der „Roten Armee Fraktion“ (RAF), Gudrun Ensslin, gefunden hätten, berichtet der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe. Ensslin hatte sich am 18. Oktober 1977 in Zelle 720 im siebten Stock der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim erhängt.

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Einen Tag später sei die Liste erstellt worden. Demnach habe die schwäbische Pfarrerstochter Politiklektüren bevorzugt: In den zwei Bücherregalen mit acht Fachböden hätten allein 22 Bände des russischen Revolutionärs Lenin gestanden, berichtet das Nachrichtenmagazin weiter. Vier Bände hätten von Mao Zedong gestammt, zwei Bücher von Willy Brandt.

Romane habe sich die Literaturwissenschaftlerin Ensslin, die ihre Promotion aufgegeben und 1970 die „Rote Armee Fraktion“ mitgegründet hatte, nur selten gegönnt. Es hätten sich unter anderem Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder das Drehbuch „Die letzten Worte von Dutch Schultz“ des US-Poeten William S. Burroughs gefunden, berichtet der „Spiegel“. Neben Büchern habe Ensslin eine Schreibmaschine der Marke Olivetti, eine Geige und eine Armbanduhr der Marke Tissot hinterlassen. Der Nachlass sei in einem Keller des Stammheimer Gefängnisses eingelagert, 1978 bei einer Überschwemmung beschädigt und anschließend als Müll entsorgt worden, berichtet das Nachrichtenmagazin weiter.