Tafeln müssen wegen der älteren Ehrenamtlichen schließen

„Weitestgehend auf Sozialkontakte verzichten“, „Ressourcen schonen“, „Dienste auf ein Minimum beschränken“ – Auch die Caritasverbände in den kreisfreien Städten, Landkreisen und Regionen im Bistum Augsburg spüren die Einschnitte durch die Corona-Krise. Unterkriegen lässt sich deshalb aber  niemand, auch wenn so manche Sorge die Caritas noch länger beschäftigen wird.2015-08-27-OB-Gribl-bei-der-Tafel-–-09 Tafeln müssen wegen der älteren Ehrenamtlichen schließen Augsburg Stadt Bayern Dillingen Günzburg Landkreis Lindau Memmingen Neuburg-Schrobenhausen News Vermischtes | Presse Augsburg

Wo immer man nachfragt, ob in Günzburg, Dillingen, Memmingen, Lindau, Weilheim, Starnberg oder Augsburg – überall werden die Dienste der Caritas „runtergefahren“. Tafeln werden geschlossen, Sozialkaufhäuser bzw. Second-Hand-Läden, Möbellager und Familienzentren  ebenso. Von allen Stellen hört man dieselbe Begründung dafür. „Die Ehrenamtlichen, die für die Tafeln die Lebensmittel einsammeln, sie sortieren und dann auch ausgeben, sind ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Das gleiche gilt für die Sozialkaufhäuser und Möbellager. Es ist unsere Pflicht, sie zu schützen.“ 

In dieser Woche werden zwar noch in Augsburg und Günzburg Tüten mit Lebensmitteln rausgestellt, in den anderen Orten, Dillingen, Memmingen, Penzberg, Peißenberg z.B. sind sie jetzt schon und zwar bis  Ende April (in Dillingen) gänzlich geschlossen. „Schon letzte Woche sind weniger Klienten zur Essensausgabe der Günzburger Tafel gekommen. Wie es heute sein wird, werden wir sehen. Auf jeden Fall findet die Ausgabe draußen statt. Da ja viele ehrenamtliche Helfer der Tafel zur Risikogruppe gehören, können wir durch eine Ausgabe an der frischen Luft die Ansteckungsgefahr reduzieren.“ Dr. Walter Semsch, Geschäftsführer des Caritasverbandes für die Stadt und den Landkreis Augsburg e. V. verfährt ebenso. „Danach ist aber Schluss.“ Während alle davon ausgehen, dass sie die Schließung bis Ende April aufrechterhalten müssen, hofft Monika Funk, Geschäftsführerin des Caritasverbandes Weilheim Schongau e. V., dass sie ihre Tafeln in Peißenberg und Penzberg in der Karwoche, also noch vor Ostern, wieder öffnen zu können. Sie weiß zwar, dass die Informationen gegen sie sprechen, „schön wäre es aber für unsere Klienten dennoch“. 

An einen Ersatz denkt derzeit niemand. Stephan Borggreve, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Landkreis Dillingen e. V., verweist darauf, dass die Tafeln nicht den Zweck verfolgen, eine Grundversorgung zu gewährleisten. „Sie sind ein zusätzliches Angebot zur Entlastung der Haushalte mit geringem Einkommen. Verhungern muss niemand, wenn jetzt die Tafeln schließen. Der Sozialhilfesatz deckt das Existenzminimum ab. In Deutschland muss deshalb niemand Sorge haben.“ In Lindau versucht Harald Thomas, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Landkreis Lindau e. V., dennoch einen anderen Weg zu gehen. Er rief im Landkreis zu Spenden auf. „Ich weiß noch nicht, ob wir welche erhalten werden“, sagte er am Telefon. Wenn aber ja, wird er die Liste der Tafelkunden genauer anschauen und prüfen, wer am dringendsten Hilfe braucht. „Und dann fahren wir die Lebensmittel dorthin.“ 

Ohnehin ging die Versorgung der Tafeln schon in der vergangenen Woche deutlich zurück, wie Mathias Abel, Geschäftsführer des Caritasverbandes Günzburg Neu-Ulm e. V., beobachtete. Wir haben letzte Woche ein Drittel weniger Ware bekommen. Das könnte daran liegen, dass die Menschen in den Supermärkten hamstern. Dann wiederum können die Supermärkte weniger an die Tafeln weitergeben. Interessant war aber auch, dass weniger Klienten zur Essensausgabe kamen.“

Auch die Beratungsdienste, sei es die Allgemeine Sozialberatung, die Insolvenz- und Schuldnerberatung, die für rechtliche Betreuung oder Mutter-Kind-Kurberatung oder die Beratung der Suchtfachambulanzen oder der Sozialpsychiatrischen Dienste – sie alle werden im ganzen Bistum eingeschränkt. Persönliche Beratungsgespräche finden nicht mehr statt. Beraten wird eigentlich nur noch am Telefon. „Viele Dinge kann man telefonisch klären“, erläutert Ulrich Walleitner, Geschäftsführer des Caritasverbandes Starnberg e. V. Wenn Dokumente für einen Antrag vorbei gebracht werden müssen oder die Caritasverbände kleine Hilfsgelder an Klienten auszahlen müssen, dann wird man das an der Haustür machen. Hans-Peter Wilk, Geschäftsführer des Caritasverbandes Neuburg-Schrobenhausen, will sich noch die Option für ein persönliches Beratungsgespräch offen halten. „Wenn dann aber wenn nur eine Terminvereinbarung vorliegt und wir vom Klienten eine entsprechende Auskunft über seinen Gesundheitszustand erhalten. 

Daniela Herrschmann, Allgemeine Sozialberatung in Kaufbeuren, bleibt bei allen Einschränkungen zuversichtlich. „Bei uns sind alle Abteilungen abgedeckt, der Betrieb geht weiter – wenn auch mit Einschränkungen wie anderswo. Wir empfangen keine Klienten und haben alle Termine abgesagt“. Die Notbesetzung in Kaufbeuren sieht auch vor, dass im Betreuerbereich im Wechsel gearbeitet wird – um die Arbeitskräfte zu schonen. Im Bereich Ambulantes Wohnen gehen die Betreuer ohne die Klienten einkaufen. Ähnlich verfahren die Mitarbeitenden des Caritasverbandes für den Landkreis Weilheim-Schongau bei „Servicewohnen für Senioren im Wohnpark Geisenhofer“ in Weilheim. „Hier gehen unsere Mitarbeitenden nicht mehr in die Wohnung der älteren Menschen, um zu beraten. Siemüssen aber telefonisch erreichbar sein. Sie bieten auch keine Gruppen mehr an. Dafür leisten sie Einkaufshilfe“, so die Caritas-Geschäftsführerin Funk.  

Andreas Aigster, Geschäftsführer des Caritasverbandes Memmingen-Unterallgäu e. v., hat für sein Team eine weitere Regel festgelegt. „Für jeden Fachbereich ist jeweils nur eine Person im Büro. Die anderen sind zuhause im Home Office. Wenn jemand dann infiziert wird, muss ich nicht alle in die Quarantäne schicken“, erläutert Aigster. 

Die Tagesstätten für suchtkranke wie auch die für psychisch kranke Menschen in Dillingen und Neuburg z.B. sind derzeit noch offen, auch wenn die Berater auf einen Notdienst heruntergefahren wurden. „Hier warten wir noch auf eine Entscheidung des Bezirkes Schwaben“, sagt Wilk vom Caritasverband Neuburg-Schrobenhausen. 

Aigster vom Caritasverband Memmingen-Unterallgäu treibt noch eine ganz andere Sorge um. Er begrüßt die Zusagen des Bundes wie auch des Freistaates Bayern, in dieser schweren Zeit die Wirtschaft zur Seite stehen zu wollen. Er fragt sich aber: „Wie sieht es mit der Sozialwirtschaft aus?“ Im Gegensatz zur Wirtschaft dürfen Sozialverbände und –einrichtungen keine Rücklagen bilden. „Wir werden nur für das bezahlt, was wir leisten, und die Sätze dafür werden von der Politik bestimmt. Wir leben also in unserer Arbeit von der Hand in den Mund.“ Die Corona-Krise bringe aber derzeit alle Finanzplanungen arg durcheinander. „Können wir das auf Dauer stemmen? Wer übernimmt für uns die finanziellen Zusatzbelastungen?“ Aigster fordert deshalb eine klare und eindeutige Zusicherung aus der Politik für die Sozialwirtschaft, wie die Politik sie auch für die klassische Wirtschaft mit ihren Unternehmen ausgesprochen hat.

Karin Pill/Bernhard Gattner