Teil einer einer neuen Normalität werden | Die exklusive Eva Weber-Kolumne, Juli 2021

Lieber Augsburgerinnen und Augsburger,

zu Beginn der Pandemie habe ich in einem Grußwort für das Programmheft des Staatstheaters Augsburg einmal geschrieben, dass es so wirke, als ob wir uns alle in einer Inszenierung befänden. Wir, die durch die leeren Augsburger Straßen gingen, seien wie die Schauspielerinnen und Schauspieler in einer befremdlichen Kulisse. Meine Beobachtung in den vergangenen Wochen ist nun interessanterweise, dass die Normalität, oder das, was ich, was wir alle vor Corona dafür hielten, sich inzwischen, nach zwei Lockdowns, nicht mehr „normal“ anfühlt.

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Foto: Wolfgang Czech

Ich gehe durch die belebten Straßen in der Augsburger Innenstadt, sehe, wie Menschen auf dem Rathausplatz und an den Tischen vor den Restaurants sitzen. Und ich freue mich einerseits, über das wiederkehrende Leben in unserer Stadt, und die Freude, die ich jetzt immer öfter am Lächeln der Menschen erkenne, da Masken nicht mehr die Hälfte der Gesichter bedecken. Aber – auch wenn ich das wiederkehrende Leben genieße – ist sie immer noch so unwirklich, diese neue Normalität. Das ist jetzt vielleicht auch eine Berufskrankheit – als Oberbürgermeisterin bin ich auch nach über einem Jahr Pandemie einfach im Krisenmodus und kann nicht wirklich abschalten.

Weber Corona Maske
Foto: Wolfgang Czech

Ich denke heute schon an den Herbst, die Virologen und die Prophezeiung der vierten Welle, die Delta-Variante, die Pläne, die wir jetzt vordenken müssen, um unser Gesundheitssystem, die Schulen, Kitas und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Parallel dazu ist es durchaus spannend, die Augsburgerinnen und Augsburger zu beobachten und zu sehen, wie sie mit den Lockerungen umgehen: Einige verhalten sich zumindest nach außen ersichtlich, als wäre nichts gewesen, als gäbe es Corona nicht mehr, als seien die Lockdowns nie dagewesen. Anderen ist deutlich anzumerken, dass sie die Sommerzeit mit Vorsicht genießen. Es ist fast, als wären viele noch nicht bereit, die komplette Unbeschwertheit zuzulassen, vielleicht ein Schutz, vor dem, was kommen könnte, vielleicht aber auch ein Symptom, entstanden durch die lange Pause, die nun mal da war.

Rathausplatz Gastro Augsburg 1
Foto: Dominik Mesch

Diese Monate der Einschränkungen, der sozialen Isolation, der Vorsicht, haben sicher viele Menschen, haben unsere Gesellschaft verändert. Die Spuren bleiben. Die nächsten Monate und unsere gemeinsame Bereitschaft, die Spuren anzuerkennen und anzunehmen, werden darüber entscheiden, ob wir als Gesellschaft auch wieder heilen können. Und mit der zunehmenden Impfquote werden wir dann hoffentlich bald die Pandemie wirklich hinter uns lassen und der Unbeschwertheit wieder vollen Raum geben können. Deshalb ist es auch so wichtig: Lassen Sie sich impfen! Sie schützen damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld, ihre Familie, ihre Freunde. Und Sie sind damit Teil dessen, nach was wir uns alle sehnen: Nach einer neuen Normalität.

Herzliche Grüße

Ihre

Eva Weber

Eva Weber ist seit Mai 2020 Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg. Seit Mai 2014 veröffentlicht sie eine regelmäßige Kolumne exklusiv bei Presse Augsburg.