Toxikologe zum Fall Nawalny: Ärzte sollten Symptome kennen

Der forensische Toxikologe Thomas Daldrup ist überrascht, dass die Diagnose zur Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexei Nawalny mit einer „Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ nicht bereits in Omsk gestellt wurde, wo Nawalny zunächst notbehandelt wurde. „Ärzte sollten die Symptome kennen: Krämpfe, Speichelfluss, feuchte Haut, enge Pupillen“, sagte Daldrup, der lange an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität lehrte und auch Sachverständiger in Strafprozessen war, dem Nachrichtenportal T-Online. Nicht nur, dass diese Symptome bei Nawalny zu beobachten gewesen seien, ein Test zur Bestimmung der Aktivität der Cholinesterase sei zudem Routine.

„Das als Insektizid verwendete E-605 oder Parathion ist ein Cholinesterase-Hemmer“, so Daldrup. Bis in die Achtziger Jahre sei es ein häufig verwendetes Mord- und Suizidmittel gewesen, nicht nur in Deutschland. Auch zu Unfällen damit kam es regelmäßig.

Da dieses Risiko auch weiterhin bestehe, sollte laut Daldrup das Gegenmittel Atropin in jedem Krankenhaus vorrätig gehalten werden. Zur gleichen Wirkstoffgruppe wie E-605 zählen laut Daldrup auch noch stärkere Nervengifte wie Nowitschok, VX oder Sarin. „Nowitschok und Sarin weisen eine wesentliche höhere Potenz als Parathion auf.“ Allen Giften sei gemein, dass sie ein Enzym blockieren, welches zur Muskelentspannung durch Abbau von Acetylcholin dient.

„Die Stoffe können oral aufgenommen werden, aber auch über den Kontakt mit der Haut. Kampfstoffe werden überwiegend als Aerosol in der Luft verteilt und von den Opfern eingeatmet.“ Welches Mittel im Fall Nawalny zur Anwendung kam, ist unklar. Die verzögerte Diagnose im Fall Nawalny erschwere vermutlich die Behandlung, sagte Daldrup dem Nachrichtenportal.

Nawalny war am Donnerstag während eines innerrussischen Flugs zusammengebrochen und daraufhin zur Notbehandlung ins Krankenhaus im sibirischen Omsk eingeliefert worden. Erst am Samstag durfte er nach Deutschland ausgeflogen werden. „Nun könnten die Nervenschäden und die Schäden des Gehirns schon sehr weit fortgeschritten sein“, sagte Daldrup. „Es dürfte vermutlich eine längere intensivmedizinische Behandlung und Gabe des Antidots Atropin notwendig sein.“