Über 400 Mitarbeiter betroffen | Die Gersthofer Backbetriebe schließen noch vor Weihnachten

Zum 1. Dezember wurde das Insolvenzverfahren für die Gersthofer Backbetriebe eröffnet. Vorgeschaltet war eine dreimonatige Sanierung im Schutzschirmverfahren. Am Donnerstag 6. Dezember teilte der Insolvenzverwalter dem Betriebsrat mit, dass der Betrieb umgehend stillgelegt wird. Der Großkunde Aldi wolle ab sofort keine Ware mehr von den Backbetrieben beziehen. Der weitere Geschäftsbetrieb führe nur zu noch höheren Verlusten. Auch für die Lechbäck-Filialen wurde ein Insolvenzantrag gestellt. Dort arbeiten nochmal 80 Menschen.

Auch über die Lechbäck-Filialen wurde ein Insolvenzantrag gestellt

Vor einer Woche wurde noch Optimismus verbreitet. Die Nachricht ist eine Katastrophe. Damit Weihnachten nicht ausfallen muss, brauchen die Betroffenen und ihre Familien schnell eine abgesicherte Perspektive. Am vergangenen Mittwoch hatte die Eigentümerin Serafin angekündigt, einen siebenstelligen Betrag bereitzustellen. Die Situation hat sich seitdem aber deutlich zugespitzt.

Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? „In letzter Zeit waren die Backbetriebe kein zuverlässiger Lieferant für Aldi“, kommentiert Tim Lubecki von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Und weiter: „Gleichzeitig versuchte die Geschäftsführung in den letzten Wochen offensiv, Aldi höhere Preise und langfristige Zusagen abzuringen. Dieses riskante Vorgehen führte wohl dazu, dass Aldi komplett abgesprungen ist und alle Beschäftigten noch vor Weihnachte ihren Job verlieren.“

Wer zahlt den Dezemberlohn?

Der Untergang der Gersthofer Backbetriebe erfolgt in atemberaubender Geschwindigkeit. Derzeit scheint nicht einmal die Auszahlung der Dezemberlöhne gesichert. Für einen solchen Notfall ist eigentlich das Insolvenzgeld vorgesehen. Doch das wurde bei den Gersthofer Backbetrieben bereits im Sanierungsverfahren der letzten Monate ausgeschöpft und steht jetzt nicht mehr zur Verfügung. Nur die Beschäftigten der Lechbäck-Filialen können mit Insolvenzgeld rechnen. Bei allen anderen Betroffen soll jetzt wohl ein zweites Mal der Staat einspringen in Form von Arbeitslosengeld.

Sanierung im Schutzschirmverfahren überzeugt nicht

In der Sanierungsphase unter dem Schutzschirm von September bis November sparten sich die Backbetriebe mehrere Millionen Euro Lohnzahlungen. „Natürlich stellen die Betroffenen jetzt die Frage, was mit dem Geld passiert ist“, kommentiert Tim Lubecki. Dringend notwendige Großinvestitionen wie in einen neuen Hallenboden erfolgten nicht. Die Ergebnisse der Sanierung sind nicht überzeugend: In den letzten Wochen konnten zwar die internen Abläufe verbessert werden. Mit dem Austausch wichtiger Führungskräfte „begann es gerade mal wieder rund zu laufen“, wie ein Mitarbeiter berichtet. Allerdings gab es auch in letzter Zeit Qualitäts- und Lieferprobleme wegen fehlender Rohstoffe und Schwächen in der Arbeitsorganisation.

Können die Beschäftigten Abfindungen erwarten?

Im Insolvenzverfahren sind Abfindungen auch bei langen Betriebszugehörigkeiten auf 2,5 Monatsgehälter gedeckelt und müssen aus der Insolvenzmasse bedient werden. Und es gibt noch andere Gläubiger: Bereits im Geschäftsjahr 2015 ließ Serafin die Backbetriebe hohe Bankdarlehen aufnehmen. Die Verbindlichkeiten gegenüber den Banken stiegen auf 2,9 Mio. Euro. Seitdem schlagen sich die Backbetriebe mit hohen Zinsaufwendungen und Liquiditätsabflüssen für die Schuldentilgung herum.

Wer ist die Eigentümerin Serafin?

Erst Ende 2014 übernahm die Serafin Unternehmensgruppe den Betrieb zusammen mit den Lechbäck-Verkaufsfilialen. Serafin steht in der Tradition von 150 Jahren Firmengeschichte der Augsburger Unternehmerfamilie Haindl. In der Serafin-Pressemitteilung anlässlich der Übernahme hieß es: „Die Geschäftsführung wird das Unternehmen am Standort Gersthofen mit gleicher Belegschaft unverändert fortführen.“ Das deckte sich mit dem erklärten Investitionsansatz der Serafin: „Wir investieren in etablierte mittelständische Unternehmen, die auf ein funktionierendes Geschäftsmodell zurückgreifen, und durch den Einsatz operativer und strategischer Maßnahmen weiterentwickelt werden können.“  Diese Weiterentwicklung scheint bei den Gersthofer Backbetrieben nicht funktioniert zu haben. Das Unternehmen steht vor dem Ende. Ein trauriges Weihnachtsfest für die Mitarbeiter und ihre Familien steht vor der Türe.

Am Montag findet bei den Gersthofer Backbetrieben eine Betriebsversammlung statt. Im Anschluss ruft die Gewerkschaft NGG gegen 11:30 Uhr vor dem Werkstor, Siemensstraße 7, 86368 Gersthofen zu einer Kundgebung auf.