„Wir können aufrichtiger Weihnachten feiern“ | Die Weihnachtsansprache des Augsburger Bischofs

Der Augsburger Bischof Bertram Meier appeliert in seiner Weihnachtsansprache sich an Weihnachten auf den Kern des Festes zu besinnen. Er sieht den Corona-bedingten Verzicht als Chance Weihnachten „aufrichtiger“ zu feiern.

Gott wird Mensch. Unglaublich diese Nachricht. Das müssen wir Gott lassen. Er ist kreativ. Vor gut 2000 Jahren hat er einen Weg gewählt, der auch für ihn neu war: Er wurde Mensch. Die Botschaft ist so umwerfend, dass sie gar nicht in den Kopf will. Weihnachten übersteigt unsere Vorstellungskraft. Gottes Menschwerdung muss, kann nur zu Herzen gehen! Weihnachten kommt einer Liebeserklärung gleich, die noch kostbarer ist als die zwischen zwei Menschen. So hat sich mir ein Spruch eingeprägt: „Den schönsten Liebesbrief der Weltgeschichte hat Gott selbst geschrieben“. Das ist für mich ein Schlüssel zum Weihnachtsgeheimnis.

Manche Briefe sind Geschenke, z.B. die frohen Botschaften, die selbst in Zeiten digitaler Medien noch traditionell verschickt werden, wie Hochzeitseinladungen und Taufanzeigen; aber – was uns wohl am meisten anrührt – vor allem Briefe, die einfach von freundschaftlicher Verbundenheit zeugen, von Vertrautheit, Anteilnahme und gegenseitigem Gebet. Andere verbinden mit Briefen manch dunkle Erfahrungen, erinnern sich an Wunden, die durch Absagen geschlagen wurden. Ich denke an blaue Briefe, Kündigungen, unvermutete Abschiedsbriefe und – was wohl jedem einen Stich versetzt – Umschläge mit Trauerrand!

Mit seinem einzigartigen Liebesbrief hat Gott gleichsam das Eis in uns zum Schmelzen gebracht. Auf einmal bröckelt die jahrtausendealte Mauer menschlicher Abschottung, Gottvergessenheit und Gedankenlosigkeit, und ein Stein kommt ins Rollen. Gott neigt sich dem Menschen zu, er steigt zu uns herab oder mit einem Bild aus dem Buch der Weisheit: „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel“ (Weish 18,14f). Diese Ankündigung wird an Weihnachten eingelöst: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14) Das heißt: Hier interessiert sich einer für uns, obwohl er nichts, aber schon gar nichts davon hat. Denn alles gehört Gott, er allein genügt sich selbst. Doch indem er Mensch wird, entäußert er sich, gibt alles auf. Er wird Mensch – nur für uns (vgl. Phil 2,6-11).

Gottes Anteilnahme, sein ‚Interesse‘ für uns zeigt sich nicht nur in ein paar freundlichen Gesten – nein, es treibt ihn buchstäblich hinein in unsere oft so prekäre, unübersichtliche menschliche Lage. Er schreibt uns einen Liebesbrief, in dem er sich selbst mitteilt – als Mensch. Ihm geht es weniger um himmlische Anweisungen, sondern um Ermutigungen. Er setzt sich selbst aufs Spiel. Gott öffnet sich im Menschen Jesus von Nazareth.

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Dieser Liebesbeweis wartet auf unsere Antwort – jedes Jahr neu. Wie ehrlich antworten wir? Ich meine, dass Weihnachten in Corona-Zeiten auch eine Chance ist. Auf vieles müssen wir heuer verzichten, dafür stoßen wir vielleicht zum Kern des Festes vor. Wir können aufrichtiger Weihnachten feiern. Nicht von ungefähr sind im Deutschen ‚aufrichtig‘ und ‚aufrecht‘ miteinander verwandt. Wer sich im Tiefsten angenommen weiß, kann aufrecht durchs Leben gehen. Er lässt sich nicht verbiegen, sondern ist ausgerichtet auf den, von dem er ausgegangen ist und zu dem er hingeht. Gesandt mit einer Botschaft, wie sie bereits der Apostel Paulus im Bild des Briefes beschreibt: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes“ (2 Kor 3,3). Das ist übrigens mein Primizspruch – das Motto, mit dem ich vor gut 35 Jahren als junger Priester an den Start gegangen bin, meine persönliche Antwort auf Gottes Liebesbrief.

Als Freunde und Freundinnen Gottes sollten wir ihm die Antwort auf seinen Liebesbrief nicht schuldig bleiben. Da gibt es keine Vertretung. Wie Gott jeden einzelnen in seiner Einmaligkeit unendlich liebt, so ist auch die Antwort auf diese Liebe so vielfältig, wie wir Menschen sind.

Ich wünsche Ihnen gesegnete und frohe Weihnachten in dieser denkwürdigen Zeit