„Die Omikron-Variante hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten abgeschwächt. Nun sehen wir uns der Erwartungshaltung gegenüber, dass wir nach der Pandemie weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Nein, können wir nicht“, sagte Prof. Dr. Michael Beyer gestern im Augsburger Stadtrat, dem er berichtete zur aktuellen Corona-Situation am UKA, aber vor allem aus der sich daraus ergebenden notwendigen verstärkten Zusammenarbeit aller Krankenhäuser in der Region.

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Prof. Michael Beyer | Foto: Wolfgang Czech

Man habe in der Pandemie gelernt, „wir sind auf die anderen Häuser angewiesen“, so Beyer weiter. Das UKA, aber auch die anderen Krankenhäuser, hätten starke Verluste durch die Abwanderung von Fach-, insbesondere Pflegekräften erlitten. „Die Infrastruktur vor Corona war eine andere als die, die wir jetzt haben“, erklärte Beyer. Im Zuge dessen musste die Uniklinik Operations- und Intensivkapazitäten herunterfahren.

Erste Kooperationen mit Krankenhäusern der Region

Auch im ländlichen Bereich sehe Beyer große Probleme durch das Aussterben der dort angesiedelten Hausarztpraxen. Es gebe inzwischen erste verwaiste Regionen ohne zeitnahe Nachbesetzung frei gewordener Kassensitze. Das UKA sehe sich als Universitätsklinikum und Maximalversorger im Zentrum einer regionalen Versorgungskonferenz, in der sich künftig möglichst alle umliegenden Häuser vernetzen und zusammenarbeiten sollten. Erste Schritte in dieser Richtung sei man mit Kooperationen mit den Kliniken in Bobingen, Schwabmünchen, Donauwörth und Dillingen bereits gegangen. „Wir als UKA müssen nicht jeden Blinddarm operieren. Und es muss auch nicht jede Geburt bei uns am UKA stattfinden“, so Beyer weiter. „Von diesem Denken, jeder macht seins, müssen wir wegkommen.“ Die unterschiedlichen Akteure müssen ins Gespräch kommen, „um das Gesundheitssystem so aufzustellen, dass es auch in Zukunft funktioniert“, sagte Beyer. Das werde nicht einfach, „aber wir werden es schaffen“, zeigte sich Beyer zuversichtlich.

Corona: „Wir sind die letzte Bastion“

Einen Überblick gab Beyer über die insgesamt sechs Wellen der Corona-Pandemie, von denen die 2. Welle das UKA zwar mit voller Wucht getroffen habe, diese aber noch beherrschbar war, weil die Patienten aus Angst vor Ansteckung nicht mehr ans UKA gekommen seien. „Dadurch hatten wir teilweise bis zu 500 freie Betten und personelle Ressourcen.“ Die 4. Welle habe das System aber dann so richtig unter Druck gebracht. „Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten triagieren müssen“, erklärte Beyer eindringlich. Durch das gut eingespielte Führungsteam des FüGK-Beauftragten Prof. Dr. Axel Heller und dem Ärztlichen Direktor wurde sichergestellt, schwerstkranke Patienten aus dem Regierungsbezirk am UKA zu behandeln und gleichzeitig leichtere Fälle nach außen abzuverlegen. Damit konnte das UKA seine Rolle als Maximalversorger gerecht werden. „Die Mitarbeiter waren ausgepumpt und ausgezehrt und haben trotzdem weitergemacht und Wahnsinniges geleistet.“ Er habe immer gesagt: „Wir sind die letzte Bastion, wir dürfen nicht fallen.“

Aber der Vorstandsvorsitzende des UKA hatte auch Gutes zu berichten, denn das UKA sei Teil des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT), in dem neben Augsburg auch die Uniklinika in Würzburg, Erlangen und Regensburg vernetzt sind sowie im Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF), in dem sich alle sechs bayerischen Universitätsklinika zusammengeschlossen haben. „Tumorerkrankungen sind jetzt bereits einer unserer wesentlichen Schwerpunkte.“

Die Zusammenarbeit mit der Industrie ist ein Credo des Krankenhauschefs. Die Bayerische Staatsregierung hatte schon früh eine Innovationsoffensive dazu ausgerufen, in deren Ergebnis zeitnah ein Lehrstuhl für roboter-assistierte Chirurgie und intelligente Systeme am UKA etabliert wird und eine W3-Professur dazu vergeben wird. „Wir werden aber nicht nur einen Roboter haben, sondern künftig unterschiedliche Robotersysteme aus der ganzen Welt nutzen“, erklärte Beyer. Man könne sich das so vorstellen, dass in einem OP-Saal in Augsburg ein Roboter operiere, der Chirurg aber am anderen Ende der Welt sitze, in Amerika oder an der ligurischen Küste. Bei der Entwicklung von Krankenhausinformationssystemen sei das UKA in der Entwicklung ganz vorn dabei.

Eines der Highlights am UKA ist ein Photon-Counting-Computertomograph (CT), der jeden einzelnen Röntgenstrahl direkt messen kann. Weltweit gibt es nur drei Geräte, eines davon steht am UKA. Das Gerät arbeitet mit einer bahnbrechenden Technologie, die von der obersten Zulassungsbehörde der USA als „erster großer Fortschritt bei bildgebenden Geräten für die Computertomografie seit fast einem Jahrzehnt“ bezeichnet worden war. „Wir werden dazu bald die ersten Ergebnisse veröffentlichen“, versprach Beyer.

Ein weiteres wichtiges Thema für die Zukunft der Medizin sei die Digitalisierung, die am UKA weit fortgeschritten ist. Auf Knopfdruck bekämen die Kollegen Laborwerte, Bildgebung, Untersuchungsbefunde. Durch eine Medikamenten-App sei eine viel größere Arzneimittelsicherheit gegeben. Auch von der digitalen Diagnostik (Clinical Decision Support) profitiere der Patient.

Am Ende seines Vortrages beantwortete Beyer noch einige Fragen von Stadtratsmitgliedern. Schließlich dankte Oberbürgermeisterin Eva Weber Prof. Beyer für sein Kommen. Es sei nicht selbstverständlich, dass der Ärztliche Direktor der Uniklinik zu seinem alten Träger komme und einen Sachstandsbericht abgebe. In dem Zusammenhang dankte Weber auch Prof. Dr. Axel Heller, der während der Hochzeit der Pandemie eine Mammutaufgabe als Koordinator für ganz Schwaben geleistet habe.

Ines Lehmann