„Zustände in den schwäbischen Krankenhäusern sind fatal“ – Gewerkschaft lässt Kliniken in Günzburg und Augsburg bestreiken

Für heute und den morgigen Dienstag hat die Gewerkschaft ver.di ihre Mitglieder zu Warnstreiks in der Kreisklinik Günzburg und im Klinikum Augsburg aufgerufen. Die Arbeitnehmervertreter möchten damit auf die aus ihrer Sicht fatalen Zustände in den Kliniken aufmerksam machen. Eine zentrale Forderung ist eine regionale Gesundheitskonferenz .

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Foto: Wolfgang Czech

Für heute und den morgigen Dienstag wurden Warnstreiks in der Kreisklinik Günzburg und im Klinikum Augsburg ausgerufen.

Nach den Kreiskliniken Günzburg – Krumbach hat auch der Vorstand des Klinikum Augsburg entschieden, alle Patienten mit verschiebbaren Behandlungen abzubestellen und nur noch Notfälle zu behandeln. In Günzburg galt diese Notfallregelung für zwei Wochen. Grund dafür sind die Auswirkungen der Grippewelle auf die Krankenhausversorgung in der Region. Die Versorgung in Schwaben ist bereits seit Wochen mehr als kritisch und die Entscheidung des Vorstandes am Klinikum Augsburg war längst überfällig. Für heute war ein sechsstündiger Warnstreik an der Kreisklinik Günzburg geplant – am Dienstag werden die Auszubildenden des Klinikum Augsburg und die ver.di Stationsdelegierten streiken, um neben der aktuellen Situation auch das weitere Vorgehen in der Tarifrunde öffentlicher Dienst zu besprechen.

Stationen nur zur Hälfte besetzt

In allen Kliniken in der Region sind die Zahl der Überlastungsanzeigen in den letzten Wochen gestiegen, viele Stationen sind nur noch mit der Hälfte des notwendigen Personals besetzt. Im Klinikum betreuten Auszubildende auf einer Station alleine 25 Patienten. Patienten, die intensivpflichtig wären, wurden auf Normalstationen verlegt bzw. zu lange im Aufwachraum belassen, obwohl sie aus medizinischen Gründen noch auf der Intensivstation hätten liegen müssen. Auf mehreren Abteilungen und Stationen liegen Patienten inzwischen auf dem Gang mit viel zu wenig Personal. Die Berichte, die Pflegekräfte in der letzten Woche der Gewerkschaft ver.di übersandten, klingen mehr als dramatisch. „Wenn ich die Berichte lese ist jedes Feldlazarett dagegen eine ausgestattete Uniklinik“, so Stefan Jagel der zuständige Gewerkschaftssekretär für das Gesundheits – und Sozialwesen im ver.di Bezirk Augsburg.

Der Vorstand des Klinikum Augsburg hätte aus Sicht der Gewerkschafter im Sinne des Arbeits – und Gesundheitsschutzes für die Mitarbeiterbereits früher auf diese angespannte Situation reagieren müssen. Es wurden vereinzelt Betten seit Anfang des Jahres geschlossen. Planbare, verschiebbare Eingriffe wurden jedoch in einem Ausmaß weiter durchgeführt, dass an eine Entlastung der Beschäftigten nicht zu denken war. „Ein Klinikum mit Maximalversorgungsstufe hat nicht nur die gesetzliche Verpflichtung Patienten aufzunehmen, sondern auch die gesetzliche Verpflichtung Arbeitsschutzstandards einzuhalten. Dieses wurde in den letzten Wochen vom Vorstand vernachlässigt.“, heißt es in einer ver.di-Mitteilung.

Und weiter: „Der jahrelange Sparzwang, insbesondere am Pflegepersonal im Gesundheitssystem, rächt sich. Bereits vor der Grippewelle war die Belastung des Pflegepersonals am Limit. Durch die zusätzlichen Grippepatienten und den Personalausfall der erkrankten Mitarbeiter steht die Versorgung in Schwaben kurz vor dem Zusammenbruch.“

„Früher spürten wir auch Grippewellen auf Station. So dramatisch wie diesmal habe ich es jedoch noch nie erlebt, berichtet Benjamin Gampel, Pflegekraft an einem schwäbischen Klinikum. „Ein reiches Land wie die Bundesrepublik scheitert bereits bei einer einfachen Grippewelle daran, eine verlässliche Gesundheitsversorgung aufrecht erhalten zu können“, so Benjamin Gampel abschließend.

Hier sind nur alle Beteiligten gefragt. Arbeitgeber, Klinikträger, Politik, Rettungsdienste und Krankenkassen. ver.di fordern deshalb eine regionale Gesundheitskonferenz mit den Beteiligten. „Es kann auf Dauer nicht gut gehen, wenn sich Kliniken in der Region von der Notaufnahme abmelden und ein Großteil der Patienten deshalb ins Klinikum strömt“, so Stefan Jagel. „Auf diesen Versorgungsengpass müssen alle Beteiligten gemeinsam nach Lösungen suchen, nicht nur die einzelnen Krankenhausvorstände,“ so Renate Demharter Ärztin am Klinikum Augsburg.

ver.di fordert auf Grund der Lage auch, dass alle Krankenhausarbeitgeber dem gesetzlichen Auftrag des Arbeits- und Gesundheitsschutzes nachkommen und Maßnahmen zur Abbestellung von planbaren Patienten beschließen bzw. weiterführen, um die Notfallversorgung zu gewährleisten.  Beschäftigte aus den Kliniken haben gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft ver.di die Streikplanung in der Region im Rahmen der Tarifrunde öffentlicher Dienst an diese Situation angepasst. Nach einer langen und lebhaften Diskussion wurde gemeinsam entschieden, dass die Beschäftigten der Kreisklinik Günzburg von 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr zum Warnstreik gerufen werden. Um 12:00 Uhr fand eine Kundgebung mit den Beschäftigten des Bezirkskrankenhauses Günzburg vor der Kreisklinik Günzburg statt. An dieser hatte auch Robert Hinke, Landesfachbereichsleiter des Gesundheits- und Sozialwesen von ver.di Bayern teilgenommen.
Am Dienstag werden im Klinikum Augsburg von 06:00 Uhr bis 23:59 ausschließlich die Auszubildenden, die Reinigungskräfte und pro Station bzw. Abteilung der jeweilige Stationsdelegierte zum Warnstreik aufgerufen.

„Damit sind die Auswirkungen der Warnstreiks in einem vertretbaren Maß“, so Stefan Jagel. „Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen haben wir allerdings auch beschlossen, dass diese Einschränkung des Streikrechts nur auf Grund der aktuellen Situation gilt. „Falls die Arbeitgeber wieder die komplette Versorgung zu lassen sollten, werden wir dies auch kurzfristig neu diskutieren müssen“, so Stefan Jagel abschließend.