Der FC Augsburg kämpft um den Klassenerhalt. Seit dem Aufstieg in die Bundesliga ist dies nichts Neues. In dieser Saison geht es für den FCA aber um mehr, als nur um einen Startplatz unter den besten 18 Teams des Landes.

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Enttäuschung bei (v.li.) Felix Uduokhai (FC Augsburg #19), Jeffrey Gouweleeuw (FC Augsburg #6), Daniel Caligiuri (FC Augsburg #20) Foto: Klaus Rainer Krieger/Pool

„Die bleiben eh drin, die Teams unten sind viel zu schlecht“, so eine Aussage, die man zum FC Augsburg in den letzten Tagen immer wieder hören kann. Mit dem Blick auf die Tabelle ist man fast versucht dem zuzustimmen. Schalke und Mainz auf den Abstiegsrängen sind weit weg, doch der Abstand auf den Relegationsplatz 16 ist zuletzt immer weiter zusammengeschmolzen. Das mit 22 Zählern bereits redlich gestopfte Punktepolster ist aktuell nicht der einzige Punkt, um den man sich beim schwäbischen Erstligisten Gedanken machen sollte. Den Klassenerhalt wird man wohl wirklich aufgrund der schwächelnden Konkurrenz auch im zehnten Jahr der Ligazugehörigkeit feiern können. Der Blick sollte gerade in dieser Coronasaison aber darüber hinaus gehen. Gerade vermeintliche Underdogs haben in dieser Zeit mehr zu verlieren als die Zugehörigkeit zur Bundesliga.

Wo sind die Typen?

Spätestens seit dem Aufstieg im Jahr 2011 hatte man sich in Augsburg den Ruf der unermüdlichen Arbeiter, die mit mutigen Herzen für ihre Ziele kämpfen, erarbeitet. Einer Mannschaft die mit vollem Einsatz, frühem Pressing und schnellem Umschaltspiel jedem Gegner Paroli bieten möchte, egal ob Bremen, Bayern oder Liverpool. Mit vergleichsweise geringem Budget und wahrlich nicht immer den begnadetsten Spielern erreichte man immer wieder Großes. Man sicherte sich bis heute den Verbleib im Oberhaus und qualifizierte sich sogar einmal für die Europa League. Große Europapokalnächte als Karrierehighlight einer durchschnittlich talentierten Truppe, die wusste, dass mit Einsatz und Zusammenhalt beinahe alles zu schaffen ist. Nicht umsonst sind und waren echte Typen wie Raul Bobadilla, Sascha Mölders, Tobias Werner oder Daniel Baier besonders beliebt. Wo sind solche Typen gerade? Einzig Torhüter Rafal Gikiewicz scheint in dieses Raster zu passen, oder diese Rolle uneingeschränkt anzunehmen.

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Tobias Werner ist in Augsburg Kult | Archivfoto: Pfister

Wofür steht der FCA 2021?

Zuletzt hatte man den Eindruck, dass der FCA seine Identität verloren hat. Es war ein schleichender Prozess über die letzten Jahre, doch gerade in dieser Saison wird dieser augenscheinlicher. Immer wieder lässt Trainer Heiko Herrlich seine Mannschaft tief verteidigen, acht Mann am und im eigenen Strafraum sind keine Seltenheit. Gerade gegen namhafte Gegner agiert man oft dermaßen destruktiv, dass nicht selten die „Angst vor dem Namen“ greifbar scheint. Nach vorne spielt man zumeist harm-,ideen- und mutlos. Die Frage steht im Raum: Wofür steht der FC Augsburg und wie konnte er seine Identität, für die er deutschlandweit geschätzt wurde, verlieren?

Verspielt man so die eigenen Fans?

Wahrscheinlich kommt man mit dieser Spielweise zu den nötigen Punkten, was man aber verlieren könnte, wäre die nahezu bedingungslose Treue des eigenen Publikums. Wenn eine Augsburger Mannschaft mit dem Herz in der Hand gekämpft hatte, wurde sie stets auch bei Niederlagen dafür gefeiert. Dies ist momentan nicht der Fall, was nicht an den Geisterspielen liegt. Woche für Woche werden die wütenden Stimmen lauter, von Anhängern, die sich nicht nur durch die coronabedingte räumliche Trennung vom Team weiter zu entfernen scheinen. Man hat den Eindruck, dass zahlreiche Fans auch nicht mehr ins Stadion gehen würden, selbst wenn es wieder erlaubt wäre.

Mit den Fans gehen die Sponsoren

Für einen Verein wie den FC Augsburg wäre dies eine verheerende Reaktion. Anders als bei den Branchenriesen ist man in Schwaben durchaus noch auf die Zuschauereinnahmen durch den Ticketverkauf und den Umsatz von Catering und Fanartikel-Handel angewiesen. Und nicht nur das. Mangelndes Faninteresse könnte auch dazu führen, dass sich auch der ein oder andere (lokale) Sponsor überlegt, ob er sein coronabedingt sicher schmaleres Budget künftig für kickendes Personal ausgeben möchte.

Für die Verantwortlichen geht es um die (eigene) Zukunft

Für den FCA geht es also um mehr, viel mehr als nur Punkte für den Klassenerhalt. Es geht darum, mit einer engagierten Spielweise die Lust am Verein zu erhalten. Die Fans sollen darauf brennen wieder in die Arena zu dürfen, die Sponsoren müssen ihr Geld für die Finanzierung von Bundesligafußball geben wollen. Es geht in den verbleibenden 14 Spieltagen um ein weiteres Jahr Bundesliga und den künftigen Weg des Augsburger Fußballs. 

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Stefan Reuter (Geschäftsführer Sport FC Augsburg, re.) und Heiko Herrlich | Archivfoto: Krieger

Für die handelnden Personen geht es auch um die persönliche Zukunft.Trainer Heiko Herrlich und auch Sportgeschäftsführer Stefan Reuter werden inzwischen immer lauter angezählt, sogar erste mögliche Nachfolger öffentlich gehandelt. Immer wieder wird dabei die Rückkehr von Markus Weinzierl in den Raum gestellt, ein Szenario, dass wohl nur bei einem Abschied Reuters möglich scheint.

Ein Kommentar von Presse Augsburg-Redaktionsleiter Dominik Mesch.