Die Automobilwirtschaft in Deutschland erlebt einen Strukturwandel. Sie zeigte sich seit Beginn der Krise zwar äußerst widerstandsfähig, dennoch hat besonders das Jahr 2020 Spuren hinterlassen, die immer sichtbarer werden. Trotz anfänglicher Probleme und teils kurzfristig dramatischen Zusammenbrüchen bei Autoverkäufen von über 60 % fing sich die Branche schnell und die Autohersteller fuhren sogar hohe Gewinne ein. Einige Prozesse beschleunigten sich währenddessen, besonders der Onlinehandel erlebt bis heute einen Aufschwung. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Wachstum im Online-Verkauf
Der Konsum verlagerte sich bereits vor der Krise in vielen Bereichen in das Internet und verdrängte einige stationäre Händler vom Markt. Die Gründe liegen auf der Hand. Digitale Märkte profitieren beispielsweise von deutlich niedrigeren Betriebskosten. Die Bestände können in Gänze digital erfasst werden, laufende Kosten wie Miete und Personalaufwand verringern sich oder fallen gar komplett weg und durch den ortsunabhängigen Zugriff auf die Waren erreichen Onlinehändler eine größere Kundschaft. Durch unmittelbares Feedback schaffen Onlineshops Vertrauen und stärken so die Bindung zum Kunden. Ebenfalls ein wichtiger Faktor ist die höhere Bereitstellung warenbezogener Informationen. Produktbeschreibungen, Bewertungen der Artikel oder Anleitungen finden Konsumenten im Internet auf einen Blick oder können diese zumindest in Windeseile zusammensuchen. Hinzu kommt eine hohe Flexibilität in der Kundengewinnung. Das Marketing passt sich in der digitalen Welt neuen Herausforderungen deutlich schneller an, als es analoge Geschäfte je können. Die Analyse und Bestimmung potenzieller Zielgruppen und das effizientere Schalten der dazu passenden Werbung steigern den Hinzugewinn neuer Kunden zusätzlich. Von diesen Effekten profitiert mittlerweile auch der Onlinehandel in der Automobilbranche, der lange Zeit noch in der echten Welt stattfand. Nach Angaben von autohaus.de vermeldete etwa das Unternehmen Autodoc, ein Händler von Fahrzeugersatzteilen, 2022 eine Steigerung des Jahresumsatzes um 8,7 % und erweiterte seinen aktiven Kundenstamm um 400.000 Neukunden auf nun 6,6 Millionen. Beachtliche Zahlen, die verdeutlichen, dass auch vermeintlich ”digitalresiliente” Branchen vom Internet mehr und mehr eingenommen werden.
Der Onlinehandel macht auch vor der Automobilbranche nicht Halt
Die Prozesse der Digitalisierung gingen im Handel rund um das Auto langsamer voran als in anderen Branchen. Mittlerweile stehen Autohändler vor größeren Problemen als je zuvor. Dass der stationäre Handel lange gut mitkam, liegt auch am Produkt selbst. Für Wartung und Reparaturen am PKW müssen Kunden vor Ort sein, digitale Instandhaltung ist im digitalen Raum eben nicht möglich. Der Austausch mit dem Personal ist den Kunden beim Auto wichtiger als bei anderen Produkten und auch notwendig. Diese Faktoren trugen lange dazu bei, dass sich der Onlinehandel langsamer veränderte und sich vor dem Zugriff des Digitalen verwehrte. Doch seit 2020 beschleunigten sich auch hier die Prozesse. Immer mehr Hersteller und Händler von PKWs und Fahrzeugersatzteilen verlagern ihren Vertrieb ins Netz. Diese Verlagerung sieht man auch in den Zahlen der Absatzmärkte.
Umfragen bestätigen den Wandel
Kundenumfragen bestätigen die strukturellen Erschütterungen. Laut des ifo-Instituts ergaben diese, dass sich jeder vierte Kunde bezüglich eines PKW-Neukaufs sich vorab online informiert, statt im Autohaus um Beratung zu bitten und jeder zweite zumindest in Erwägung zieht, das künftige Modell online zu bestellen. Zahlen, die klassischen Autohändlern Sorge bereiten. Unternehmer, die diese Entwicklung nicht mitmachen und allzu lange darauf pochen, dass in Zukunft genug Kunden die Beratung und den Service vor Ort zu schätzen wissen, könnten in nicht allzu weiter Ferne in die Röhre schauen. ”Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehe.”, wie es Friedrich Schiller einst so passend formulierte. Der Satz ist wohl aktueller denn je, wie der Fall Galeria Kaufhof eindrucksvoll zeigt. Trotz der Vormachtstellung verschlief das 1879 gegründete Unternehmen die Digitalisierung gründlich. Die Folgen sind für verheerend. Zahlreiche Filialen mussten schließen, viele weitere werden folgen. Ob sich das Unternehmen nach der Insolvenz noch einmal fangen kann und der Ausbau der Onlineshops nach der Fusionierung mit Karstadt zu Galeria Karstadt Kaufhof doch noch früh genug in Angriff genommen wurde, steht in den Sternen.
Was bleibt?
Klar, das Auto hat in vielen Haushalten einen hohen Stellenwert und ganz ohne menschlichen Kontakt und Serviceleistungen wird die Branche nicht auskommen, wie es etwa bei der Modebranche denkbar ist. Für Kleidung braucht man tatsächlich nicht mehr vor Ort einkaufen, sondern kann alles digital bestellen. Dennoch wird sich die Onlinehändler über weitere Positivmeldungen freuen, wenn die Umsätze weiter steigen und immer mehr Kunden über das Netz bestellen.

