Nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn sieht der Kasseler Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder in der Suche nach einem Nachfolger die Chance, das Zusammenspiel von Kanzleramt, Fraktion und Partei neu zu ordnen.
Die Entscheidung über die Fraktionsspitze sei vielleicht die wichtigste, die Bundeskanzler Friedrich Merz und die CDU/CSU-Fraktion derzeit treffen müssten, sagte Schroeder den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die prekäre Machtverteilung zwischen Kanzleramt und Fraktion sowie die handwerklichen Fehler der vergangenen Monate hätten gezeigt, dass die Union nicht so weitermachen könne, wenn sie die großen Herausforderungen bewältigen wolle. Die Nachfolge Spahns könne einen Dominoeffekt positiver Art auslösen und die Gesamtaufstellung der Union stärken.
Zugleich warnte der Politikwissenschaftler vor einer überhasteten Entscheidung. Zwar müsse die Nachfolge so schnell wie möglich geregelt werden. Wichtiger sei jedoch eine tragfähige Lösung. “Besser eine innovative und funktionierende Lösung, die vielleicht einige Tage länger dauert, weil sie konsensual gut abgesichert ist, als eine schnelle Entscheidung, die sich bald schon als schwierig herausstellt”, sagte Schroeder.
Der künftige Fraktionschef müsse zwischen Partei, Fraktion und Kanzleramt vermitteln und zugleich natürlich als Brücke zur SPD wirken. Innerhalb der Fraktion komme es vor allem auf Integrations-, Überzeugungs- und Durchsetzungsfähigkeit an.
Spahn war am Samstag als Vorsitzender der Unionsfraktion zurückgetreten. Hintergrund war die anhaltende Debatte über die Geburt seines Sohnes mithilfe einer Leihmutter in den USA. Spahn begründete seinen Schritt damit, dass der Konflikt zwischen seiner privaten Entscheidung und seiner Rolle als Fraktionschef zu groß geworden sei. Die CDU hält an ihrer ablehnenden Haltung zur Leihmutterschaft fest.

