In einer großen Sonderausstellung öffnet das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg tim den Kleiderschrank der Nachkriegszeit und jungen Bundesrepublik. Genauer gesagt die Schränke des bedeutenden deutschen Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Frau Alice. Das Ehepaar, das nach Flucht und Vertreibung 1958 schließlich eine neue Heimat in der Lüneburger Heide fand, hat seine gesamte Kleidung über die Jahrzehnte hinweg penibel verwahrt und aufgehoben.Der einzigartige Nachlass vereint mehr als 1.000 Objekte aus sechs Jahrzehnten und dokumentiert eindrucksvoll deutsche Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die ältesten Kleidungsstücke stammen aus den späten 1930er Jahren, die jüngsten hatte Alice Schmidt noch kurz vor ihrem Tod 1983 erworben.

Die Sammlung reicht von Leibwäsche und Wintermänteln bis hin zu Schuhen und Accessoires. Dabei handelt es sich entsprechend den Lebensumständen der Schmidts nicht um kostbare oder ausgefallene Einzelstücke, sondern um Alltagskleidung, die wertgeschätzt wurde – und werden musste.
Die Ausstellung der Arno Schmidt Stiftung, die in Zusammenarbeit mit dem Bomann-Museum Celle entstand, geht im tim der Frage nach, welche Kleidung die Menschen in der Bonner Republik trugen und welchen Wert die Stücke für sie besaßen. Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein spannender und aufschlussreicher Streifzug durch die Alltagsmode der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Bonner Republik, ebenso eine instruktive Abteilung zum literarischen Umgang des Autors mit textiler Sprache.
Acht biografische Stationen berichten in der Ausstellung vom Leben der Schmidts, von Kindheit und Jugend, den ersten Ehejahren in Schlesien, der Flucht und den darauffolgenden Wanderjahren bis zum letzten Wohnort ab 1958 im kleinen Heidedorf Bargfeld bei Celle.
Weitere acht Stationen widmen sich dem eigentlichen „Wert“ der Kleidung. So zeugen sorgfältig geflickte, umgearbeitete oder zweitverwertete Kleidungsstücke von der Bedeutung jedes einzelnen Gegenstands für die zunächst mittellosen Flüchtlinge. Davon berichten ein aus Wolldecken genähter Morgenmantel, Shorts, die aus Zeltbahn gefertigt wurden oder mehrfach geänderte, der Mode angepasste Kleider. Kleiderspenden aus Amerika, geschickt von Arno Schmidts Schwester Lucy Kiesler, waren eine große Hilfe. Sie muten aber auch kurios an, wie eine rote „Pillbox“ oder farbenfrohe Krawatten, die Arno Schmidt nie trug. Später lebten Schmidts bescheiden, aber ohne wirtschaftliche Not und bestellten wie ihre Nachbarn Kleidung im Versandhandel. Dabei hatten die Kataloge auch Bedeutung für Schmidts Werke: Er nutzte die abgebildete Mode gern als Inspiration für die Bekleidung seines Romanpersonals. Den Quelle-Katalog nannte er in Zettel’s Traum ein
„kulltourhistorisches Dockumännt“.

Einige Stücke erzählen besondere Geschichten über den Autor und seine Frau und deren Leben auf dem Land, zum Beispiel ein Pelzmantel aus der DDR oder ein Badeanzug mit Fahrtenschwimmerabzeichen.
Andere Kleidungsstücke aus Schmidts Besitz sind sogar in die Literatur eingegangen. Sie werden eindrucksvoll vor einer Medienwand präsentiert, die Text und Textilien miteinander verbindet. So zeigt die Ausstellung bisher kaum bekannte Aspekte einer denkwürdigen Biografie und 60 Jahre textile Alltagsgeschichte in Deutschland.
Der Schriftsteller Arno Schmidt wurde am 18.1.1914 in Hamburg geboren und zog als Jugendlicher mit seiner Familie nach Schlesien um. 1937 heirateten Arno Schmidt und Alice Murawski (geb. 1916), die sich als Angestellte einer Textilfabrik kennengelernt hatten. 1949 erschien mit „Leviathan“ Schmidts aufsehenerregendes Prosadebüt. Die politische und ästhetische Radikalität seiner Werke machte ihn in den 50er Jahren zu einem ebenso gefeierten wie umstrittenen Autor. 1973 erhielt er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt.
Am 3.6.1979 starb Arno Schmidt in Celle.
Passend zur Ausstellung bietet das tim Gruppenführungen für Erwachsene und Schulklassen an.
Alle Infos dazu unter www.timbayern.de
Preise: Eintritt: 6,- Euro; erm. 4,- Euro; Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Eintritt frei.
Kombiticket mit tim-Dauerausstellung erhältlich.
Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen. Erhältlich im Museumsshop. Preis: 12,90 Euro
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 09.00 Uhr bis 18.00 Uhr; montags geschlossen.

