Berlin war immer eine Stadt mit eigener Beziehung zu Cannabis. Vom Görlitzer Park über Kreuzberger Hinterhöfe bis zu wissenschaftlichen Konferenzen an der Charité hat das Thema hier mehr Schichten als anderswo. Seit der Gesetzesänderung im April 2024 hat sich vieles verändert, anderes blieb gleich. Drei Schauplätze, drei Stimmen, drei Perspektiven.
Schauplatz eins: Eine Anbauvereinigung in Lichtenberg
In einem ehemaligen Industriegebäude in Lichtenberg trifft sich an einem Mittwochabend eine Gruppe von etwa vierzig Personen. Die Anbauvereinigung, eine der ersten ihrer Art in Berlin, hat ihre Genehmigung im Spätsommer 2024 erhalten. Vorsitzender ist Martin S., ein Mittfünfziger, der hauptberuflich als Bauingenieur arbeitet.
“Wir haben uns von Anfang an klar positioniert”, sagt er beim Rundgang durch die Anbauräume. “Wir sind keine Subkultur, wir sind ein eingetragener Verein, mit Satzung, mit Vorstand, mit Buchhaltung. Wer hier Mitglied wird, durchläuft eine Identitätsprüfung, lernt die Regeln kennen und unterzeichnet einen Verhaltenskodex.”
Die Anlage ist überraschend nüchtern. Weiße Wände, professionelle Beleuchtungssysteme, ein Klimaregelungssystem, das an eine kleine Brauerei erinnert. Auf den Tischen stehen Pflanzen in verschiedenen Wuchsstadien. Der Verein bezieht seine Genetiken bei verschiedenen europäischen Anbietern.
“Bei der Sortenwahl achten wir auf zwei Dinge”, erklärt Martin. “Stabilität und Profil. Wir bauen ein breites Spektrum an, von THC-dominanten Sorten bis zu CBD-reichen Varianten. Gerade die CBD Hanfsamen haben in den letzten Monaten Zuwachs bekommen, weil viele Mitglieder gezielt nach Sorten ohne starke Rauschwirkung suchen.”
Schauplatz zwei: Ein Wohnzimmer in Friedrichshain
Anders sieht es bei Carla M. aus, einer Mittdreißigerin aus Friedrichshain. Sie wohnt in einer Vierzimmer-Altbauwohnung mit Blick auf den Volkspark. In einer Ecke ihres Wohnzimmers stehen zwei Pflanzen, eingehüllt in einem dezenten Zelt aus reflektierendem Material.
“Ich habe Jahre damit zugebracht, in der Grauzone einzukaufen”, erzählt sie. “Manchmal war die Qualität gut, manchmal nicht, manchmal hatte ich Angst um meine Wohnung. Seit April 2024 ist das vorbei. Ich kaufe Samen, baue an, ernte, konsumiere, alles legal innerhalb der erlaubten Grenzen.”
Auf die Frage nach ihrer Sortenwahl wird sie konkret. “Ich habe lange ausprobiert. Am Anfang dachte ich, ich müsste das teuerste nehmen. Dann habe ich gemerkt, dass Günstige Hanfsamen bei guten Anbietern völlig okay sind. Für mein Hobby reicht das. Premium-Sorten hebe ich mir für besondere Anlässe auf, sozusagen wie ein guter Wein, den man nicht jeden Tag aufmacht.”
Carla pflegt einen kleinen Blog, auf dem sie ihre Erfahrungen dokumentiert. “Es ist eine kleine Community, die da liest. Hauptsächlich Frauen mittleren Alters, die offen über das Thema sprechen wollen, ohne sich in irgendwelche Subkultur-Codes pressen zu lassen.”
Schauplatz drei: Ein Café am Hermannplatz
An einem Samstagvormittag sitzt Anwar K. in einem Café am Hermannplatz. Er ist Anfang dreißig, gebürtiger Neuköllner, Sozialarbeiter in einem Jugendprojekt. Mit ihm spricht eine Mischung aus Erfahrung, Vorsicht und Sachlichkeit.
“Was viele in der Diskussion vergessen”, beginnt er, “ist die Differenz zwischen Erwachsenen, die selbstbestimmt mit Cannabis umgehen, und Jugendlichen, deren Gehirn noch in Entwicklung ist. Das Gesetz hat diese Differenz richtig gesetzt. Konsum ab 18, klare Mengenobergrenzen, keine Werbung, keine Verkaufsstellen in Schulnähe.”
Er erzählt von seiner Arbeit, von Gesprächen mit Vierzehnjährigen, die das Gesetz missverstehen, von Eltern, die jetzt offener fragen, wo sie früher geschwiegen hätten. “Die Legalisierung hat eine Tür geöffnet. Nicht die Tür zu mehr Konsum, sondern die Tür zu mehr Gespräch. Das ist die eigentliche Veränderung in Berlin.”
Auf die Frage, was er sich für die nächsten Jahre wünscht, antwortet er nüchtern. “Eine ehrliche Auseinandersetzung. Wir brauchen Daten, wie sich der Konsum entwickelt, wie sich die illegale Szene verändert, wie sich der Jugendschutz auswirkt. In drei oder fünf Jahren werden wir klüger sein als heute.”
Was die drei Geschichten verbindet
Wenn man die drei Schauplätze nebeneinander legt, fällt eines auf. Die Berliner Szene ist diverser geworden, nicht uniformer. Vor zehn Jahren gab es einen relativ homogenen Konsumenten-Typus, jung, urban, eher männlich. Heute reicht das Spektrum von der pensionierten Lehrerin, die CBD-Tropfen zur Schlafverbesserung nimmt, über die Anbauvereinigung mit professioneller Buchführung bis zur Sozialarbeiterin, die für klare Jugendschutz-Regeln eintritt.
Berlin ist nach der Gesetzesänderung weder utopisch noch dystopisch geworden. Es ist normaler. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, merkt es an Kleinigkeiten. Im Spätkauf liegen neben den Bier-Sechserpacks gelegentlich CBD-Tees aus regionalen Manufakturen. Auf dem Wochenmarkt verkauft eine Bäuerin Hanfsamen als Backzutat. In den Mediathekgesprächen taucht das Thema in Kontexten auf, in denen es vor fünf Jahren nicht hingehört hätte.
Eine Schlussbeobachtung
Berlin war historisch eine Stadt der Experimente, der Subkulturen, der Aushandlungsprozesse. Mit der Cannabis-Reform setzt sich diese Tradition fort, allerdings in einem ruhigeren Tonfall als früher. Die Diskussion ist breiter geworden, die Stimmen vielfältiger, die Polarisierung geringer. Vielleicht ist das die wichtigste Beobachtung nach gut einem Jahr Cannabisgesetz: Es ist eine Normalität entstanden, die niemand mehr ernsthaft zurückdrehen möchte. Und gerade diese unaufgeregte Normalität ist es, die Berlin ein Stück europäischer macht.

