Gott als Licht der Hoffnung – Bischof feiert Weihnachten im Augsburger Dom

In einem feierlichen Pontifikalamt zu Weihnachten im Hohen Dom zu Augsburg hat Bischof Dr. Bertram Meier die Gläubigen dazu aufgerufen, dem nahen Gott in der Krippe das Geheimnis seiner Ferne zu lassen. Bereits in der nächtlichen Christmette erinnerte Bischof Bertram an das Weihnachtsfest des heiligen Franziskus vor genau acht Jahrhunderten und verglich den Dom mit einem leeren Stall, in den Gott als Licht der Hoffnung immer wieder neu einziehen wolle.  

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1. Weihnachtsfeiertag, Gottesdienst, Dom Augsburg
Bischof Bertram Meier | Foto: Zoepf

„An Weihnachten geht es darum, dass wir dem nahen Gott das Geheimnis seiner Ferne lassen. Der ‚holde Knabe im lockigen Haar‘ bleibt nicht Kind, er wird erwachsen“, stellte Bischof Bertram in seiner Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag fest. Das kleine Kind im Stall von Bethlehem, das wir am liebsten umarmen und herzen wollten, entziehe sich schnell unserer Verfügungsgewalt. Es wachse uns über den Kopf, sei größer als unser Kopf und beanspruche unser ganzes Herz. „Wenn das Wort groß geworden ist, gewichtig und schwer, schwerwiegend mit großer Tragweite für das Leben, dann nehmen viele wieder Abstand. Deshalb lichten sich auch in der Kirche die Reihen rasch nach Weihnachten. Wir spüren, dass das Krippenkind mehr sein will als festliche Dekoration im Wohnzimmer“, gab Bischof Bertram zu bedenken und sprach von einer zunehmenden Gefahr der Ich-Fixierung und dem Trend menschlicher Selbstoptimierung.

„Doch wo bleibt da Gott? Können wir uns Gott wegdenken, dürfen wir ihn aus der Welt hinausdenken? Manchmal habe ich den Eindruck, selbst in der Kirche leben wir so, als ob wir Gott nicht mehr bräuchten“, warnte der Bischof vor einem praktischen Atheismus, der sich auch schleichend im kirchlichen Leben auszubreiten drohe.

Im Blick auf die Menschwerdung Gottes neigten die Menschen heute dazu, in die Haut eines Kammerdieners zu schlüpfen für den es keine Helden gebe. Doch hierzu gebe es eine Alternative erinnerte er an einen Ausspruch des Aphoristikers Michael Rumpf: „Liebe überwindet die Ferne, vor allem aber macht sie Nähe erträglich.“ Wenn wir diesen Gedanken in die göttliche Ebene übersetzten, würden wir auf den Kern von Weihnachten stoßen. „Wenn wir in der schweren Geburt und in der Armseligkeit der Krippe ein geweihtes Ereignis, heilige Nacht, sehen, dann feiern wir ernsthaft Weihnachten.“

Bereits in der nächtlichen Christmette am Vorabend hatte Bischof Bertram in seiner Predigt darüber nachgedacht, was ein Weihnachten im kriegs- und krisengeplagten Jahr 2023 von jenem Weihnachtsfest lernen könne, das der heilige Franziskus genau acht Jahrhunderte zuvor in Greccio gefeiert hatte. Dabei stelle sich besonders die Frage nach den Idealen, die der Poverello aus Assisi vorlebte – und ob diese Ideale heute noch Widerhall in der Kirche fänden.

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Foto: Zoepf 

Auch das Weihnachten des Jahres 1223 sei in schwierige Zeiten gefallen, betonte der Bischof eingangs in seiner Predigt. Die noch junge Gemeinschaft der Franziskaner habe sich damals in einer tiefen Krise befunden, ausgelöst durch unterschiedliche Meinungen über die Ideale und die Ausrichtung des Ordens. Auch vor diesem Hintergrund habe sich der heilige Franz von Assisi dazu entschieden, in Greccio im Rietital das Weihnachtsfest ganz bewusst zu feiern. In seiner Predigt habe er sich so in seine Freude über Gottes Ankunft in der Welt hineingesteigert, dass es ihm fast die Stimme verschlug. Ganz anders achthundert Jahre später: „Die Stimmung ist verhalten. Krisen und Kriege belasten uns. Weihnachtsdekoration ja, aber wie sieht es hinter den äußeren Kulissen aus? Wie steht es um den Kern des Festes?“

Damals wie heute stelle Weihnachten den Versuch dar, „Unsagbares ins Wort zu bringen“. Die Menschen von Greccio 1223 und die von Augsburg 2023 verbänden dabei dieselben Fragen: „Wo gehöre ich hin? Wo kann ich bleiben? Wo finde ich Heimat?“ Franziskus habe sich damals dafür entschieden, in der Nachfolge Christi aus dem feudalen System seiner Zeit auszubrechen und an die Ränder der damaligen Gesellschaft zu gehen. Dazu müsse sich heute die Frage stellen, ob der prächtige Dom als Gotteshaus aus Stein hingegen nicht der „Inbegriff einer etablierten Kirche“ sei, die Franziskus damals eigentlich habe aufbrechen wollen: „Sind wir im Lauf der Jahrhunderte der franziskanischen Provokation treu geblieben?“

Der Augsburger Dom erinnere ihn in mancher Hinsicht an einen leeren Stall, so Bischof Bertram weiter – ein Stall, in den Gott einziehen wolle, um das Unvollendete ganz zu machen. Dafür stehe sinnbildlich das kleine rote Kerzlein in der Nähe des Tabernakels: „Es ist ein Hinweis darauf, dass der Stall einen Hirten braucht: Jesus, der Hirt, der das Brot des Lebens reicht, von dem wir täglich zehren. Von diesem Ewigen Licht aus macht es erst Sinn, unsere Kerzen anzuzünden.“

Doch sei das Licht des Weihnachtsfestes damals wie heute „schutzlos und gefährdet“; bei vielen Menschen kämen gar Zweifel auf, ob es jemals noch einmal wirklich Licht werden könne in einer Welt, die gefangen sei zwischen Depression und Aggression. Letztendlich sei es immer das Licht der Hoffnung, das nie ganz erlösche und mit dem die anderen Lichter von Friede, Glaube und Liebe wieder entzündet werden könnten: „Lichter anzünden, immer wieder neu anzünden, trotz allem, ohne damit im Rampenlicht der Scheinwerfer zu stehen, das ist franziskanische Provokation, gleichzeitig unser weihnachtlicher Auftrag.“

Die Christmette im Hohen Dom zu Augsburg wurde vom Karl-Kraft-Chor, dem Domchor und dem Domorchester musikalisch mit der Pastoralmesse von Karl Kempter und dem bekannten „Transeamus usque Betlehem“ von Ignaz Schnabel begleitet. Im Gottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag trugen der Kammerchor und ein Bläserensemble zur feierlichen Stimmung bei.