Escalador: Geländerollstuhl aus Schwaben erobert neue Wege

Presse Augsburg
8 Minuten Lesezeit

Ein schwerer Autounfall veränderte das Leben von Martin Jochum aus Fischach grundlegend. Weil er keinen Geländerollstuhl fand, der seinen Vorstellungen entsprach, entwickelte er kurzerhand selbst einen. Gemeinsam mit der Holzer-Firmengruppe aus Bobingen entstand daraus der Escalador – ein außergewöhnlicher Elektro-Rollstuhl mit Allradantrieb, Motorsporttechnik und einer Reichweite von mehr als 150 Kilometern. Nach fünf Jahren Entwicklungsarbeit geht das Fahrzeug jetzt in Serie.

Für Martin Jochum war Bewegung schon immer ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Mountainbiken, Skifahren, Bergwandern und Motorrad-Trialsport gehörten zu seinen Leidenschaften. Doch 2015 änderte sich alles: Bei einem schweren Autounfall erlitt der heute 38-Jährige eine Querschnittslähmung. Seitdem ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Begeisterung für die Natur und anspruchsvolles Gelände blieb jedoch ungebrochen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Geländerollstuhl probierte Jochum verschiedene Modelle aus. Keines konnte ihn überzeugen. Die Fahrzeuge waren ihm zu schwer, zu breit, zu langsam oder technisch nicht leistungsfähig genug. Schließlich entschloss er sich gemeinsam mit seinem Vater Manfred Jochum, ein eigenes Fahrzeug zu entwickeln.

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„Mir war klar: Da muss ich selbst was entwickeln – und zwar von Null an“, erinnert sich Jochum. Was zunächst als persönliches Projekt begann, entwickelte sich zu einer technischen Innovation aus Bayerisch-Schwaben.

Motorsporttechnik aus Bobingen macht den Unterschied

Unterstützung erhielt Jochum von Günther Holzer, einem langjährigen Freund der Familie und Gründer der Holzer-Firmengruppe in Bobingen. Das Unternehmen verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Fertigung von Renn- und Sportfahrzeugen. Holzer und sein Team brachten ihre Erfahrungen aus dem Motorsport in das Projekt ein. Der Escalador erhielt einen leichten Gitterrohrrahmen, hochwertige Bauteile aus Aluminium und Titan sowie eine aufwendige Einzelradaufhängung. Auch der Sportsitz mit Dreipunkt-Sicherheitsgurt orientiert sich an Lösungen aus dem Rennsport.

Das Ergebnis ist ein elektrisch angetriebener Geländerollstuhl, der trotz seiner aufwendigen Technik lediglich 89 Kilogramm wiegt. Vier unabhängig voneinander arbeitende Radnabenmotoren sorgen für den Allradantrieb. Zusammen mit einem speziell entwickelten Fahrwerk und einer intelligenten Steuerung ermöglichen sie eine hohe Traktion auf unterschiedlichsten Untergründen. Die größte technische Herausforderung war nach Angaben Jochums die Abstimmung der vier Motoren. Die Elektronik muss unter anderem Geschwindigkeit, Lenkwinkel, Schlupf und Beschaffenheit des Untergrunds berücksichtigen und die Antriebskraft entsprechend verteilen.

Zwei Jahre arbeitete Jochum allein an der Programmierung der Steuerung. Zuvor hatten mehrere Unternehmen Schwierigkeiten, seine Vorstellungen technisch umzusetzen.

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Steigungen von über 100 Prozent und 150 Kilometer Reichweite

Die technischen Daten des Escalador zeigen, wie weit sich das Fahrzeug von herkömmlichen Elektrorollstühlen unterscheidet. Nach Herstellerangaben bewältigt es Steigungen von mehr als 100 Prozent und ist auch für anspruchsvolles Gelände ausgelegt. Ein Federweg von 200 Millimetern, ein niedriger Schwerpunkt und die intelligente Kraftverteilung sollen für Stabilität und Kontrolle sorgen. Damit kann der Escalador unter anderem auf Waldwegen, Schotter, Sand, Schnee und unbefestigten Strecken eingesetzt werden.

Auch Hindernisse und Treppen lassen sich nach Angaben der Entwickler unter geeigneten Bedingungen überwinden. Besonders bemerkenswert ist die angegebene Reichweite von mehr als 150 Kilometern mit einer Akkuladung. Die tatsächlich erreichbare Strecke hängt allerdings von Faktoren wie Gelände, Fahrweise und Belastung ab.

Während der mehrjährigen Entwicklungsphase wurde der Escalador nach Unternehmensangaben über mehrere Tausend Kilometer unter unterschiedlichsten Bedingungen getestet – darunter auf Bergstrecken, Waldwegen, Trails und am Strand.

„Ich habe ein Stück von dem Leben zurückbekommen“

Bei aller technischen Begeisterung steht für Martin Jochum ein anderer Aspekt im Mittelpunkt: die zurückgewonnene Selbstständigkeit. Seine erste eigene Ausfahrt mit dem Escalador beschreibt er als unvergesslichen Moment. Plötzlich konnte er wieder Wege erkunden, die für ihn seit seinem Unfall nicht mehr erreichbar gewesen waren. Heute unternimmt er mit dem Fahrzeug wieder Ausflüge gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. „Ich habe durch den Escalador ein Stück von dem Leben zurückbekommen, das ich verloren glaubte“, sagt Jochum. Dieses Erlebnis war schließlich auch ausschlaggebend dafür, den Escalador nicht nur für den Eigenbedarf zu bauen, sondern anderen Menschen zugänglich zu machen. Dabei richtet sich das Fahrzeug keineswegs ausschließlich an Menschen mit Querschnittslähmung. Auch Senioren und Menschen, deren Mobilität durch Erkrankungen oder körperliche Einschränkungen nachgelassen hat, gehören zur Zielgruppe. Nach Angaben der Entwickler gibt es bereits Kunden im Alter von über 90 Jahren. Viele möchten mit dem Escalador vor allem wieder Spaziergänge in der Natur unternehmen, gemeinsam mit Angehörigen unterwegs sein oder ihren Hund begleiten können.

Günther Holzer berichtet von einem jungen Kunden, der bereits innerhalb der ersten beiden Wochen rund 300 Kilometer mit seinem neuen Fahrzeug zurückgelegt habe. Solche Erfahrungen hätten die Entscheidung zur Serienproduktion zusätzlich bestärkt.

Straßenzulassung ermöglicht vielseitigen Einsatz

Eine weitere Besonderheit ist die mögliche Zulassung für den öffentlichen Straßenverkehr. Der Escalador kann mit unterschiedlichen Betriebserlaubnissen ausgeliefert werden. Nach Angaben des Herstellers ist unter bestimmten Voraussetzungen eine Nutzung als elektrischer Krankenfahrstuhl möglich. Abhängig von der jeweiligen Zulassung können öffentliche Straßen sowie Rad- und Fußwege befahren werden. Teilweise ist die Nutzung auch ohne Führerschein und bereits ab zwölf Jahren möglich. Welche Vorschriften im Einzelfall gelten, hängt von der konkreten Fahrzeugausführung und der erteilten Betriebserlaubnis ab. Auch für Fahrten auf Wald- und Feldwegen sind die jeweiligen rechtlichen Bestimmungen zu beachten.

Escalador kostet 35.000 Euro

Mit dem Beginn der Serienproduktion wird der Escalador über die Performance GmbH, ein Unternehmen der Holzer-Firmengruppe in Bobingen, vertrieben. Der Preis liegt laut Hersteller bei 35.000 Euro inklusive Mehrwertsteuer für die Vollausstattung. Damit bewegt sich das Fahrzeug in einem hochpreisigen Segment. Zur Ausstattung gehören unter anderem ein verstellbarer Komfortsitz mit herausnehmbaren Sitzkissen, Anschlüsse zum Laden von Mobilgeräten und praktische Packtaschen. Der Rahmen ist zum Produktionsstart in fünf verschiedenen Farben erhältlich. Ob und unter welchen Voraussetzungen eine Kostenübernahme oder Bezuschussung durch einen Kostenträger möglich ist, geht aus den vorliegenden Unternehmensinformationen nicht hervor. Interessenten können den Escalador nach vorheriger Anmeldung auch selbst ausprobieren. Testfahrten werden unter anderem im Naturpark Augsburg – Westliche Wälder angeboten.

Motorsport und Inklusion sollen zusammenfinden

Die Entwickler verfolgen mit dem Escalador inzwischen weitere Pläne. Gemeinsam mit dem ADAC gibt es Überlegungen, Geschicklichkeits- und Gleichmäßigkeitswettbewerbe mit den elektrischen Geländerollstühlen zu veranstalten. Dabei sollen Menschen mit und ohne Behinderung unter vergleichbaren Bedingungen gegeneinander antreten können. Für 2027 wird sogar über eine erste bayerische Meisterschaft nachgedacht. Für Günther Holzer wäre das eine besondere Form der Inklusion, bei der nicht körperliche Einschränkungen, sondern fahrerisches Können und Geschicklichkeit im Mittelpunkt stehen. Martin Jochum hat mit seiner Entwicklung bereits ein persönliches Ziel erreicht. Aus dem Wunsch, wieder selbstständig in der Natur unterwegs sein zu können, ist ein Serienfahrzeug geworden, das künftig auch anderen Menschen neue Möglichkeiten eröffnen soll.

Fotos: Performance GmbH

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