Historische Bräuche im Landkreis Lindau: Was alte Fragebögen verraten

Presse Augsburg
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Aufzeichnungen aus Hergensweiler, Reutin und Unterreitnau zeigen, wie Menschen im Landkreis Lindau vor mehr als hundert Jahren lebten, arbeiteten und auf ungewöhnliche Bräuche vertrauten.

Zwischen Gasthausbesuch und sprechendem Vieh

„Sonntags nach der Kirche gehen die Frauen regelmäßig ins Gasthaus zu einem Schoppen, ohne Ehemänner“, notierte Hauptlehrer Schäffler 1910 über Hergensweiler. Er hielt außerdem fest, dass Kinder sich donnerstags an den Nasen zogen, sich freitags mit Kohle schwärzten und sich sonntags teilweise mit Schmalz beschmierten. Damals hatte die Gemeinde 737 Einwohner, am 31. Dezember 2024 waren es 1893.

Zu den Überlieferungen gehört auch die angebliche Fähigkeit des Viehs, an Weihnachten um Mitternacht zu sprechen. Einen Nachweis dafür lieferte Schäffler allerdings nicht. Für den Alltag notierte er eine Bettzeit um 20.30 Uhr sowie Stallzeiten morgens und abends um 5 Uhr. Am Himmelfahrtstag geweihte Kräuter wurden dem Vieh gegeben.

Ausführlich beschreibt Schäffler außerdem das „Singata“. Ursprünglich erhielten die Gäste nach Weihnachten Schnaps und Birnbrot. Später gaben die Wirte stattdessen Bier und Wein aus. In Wolfgangsberg fand das „Singata“ am Stefanstag statt, in Stockenweiler am Neujahrstag und in einem Gasthaus in Hergensweiler am Dreikönigstag.

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Sexuelle Aufklärung und Schutz vor Bränden

Für Unterreitnau hielt Pfarrer Eduard Gebele zur selben Zeit fest: „Übrigens sind viele sexuell ziemlich aufgeklärt.“ Außerdem vertraute man dort auf die Hilfe der heiligen Agatha. An ihrem Namenstag geweihtes Schwarzbrot wurde ein Jahr lang als Schutz vor Feuer aufbewahrt. Im Brandfall sollte es in die Brandstätte geworfen werden, damit das Feuer erlosch. Auch der auf- und untergehende Mond spielte bei der Aussaat eine Rolle.

Bruckageld und Mäusefänger in Reutin

Für Reutin dokumentierte Pfarrer Karl Paul Friedrich Julius Knoell die Zahlung von „Bruckageld“ an der Lindauer Landtorbrücke. Eine hölzerne Vorgängerin, die sogenannte alte Landtorbrücke, verband Festland und Insel bis 1927. Die Aufzeichnungen schildern außerdem die Arbeit von Mäusefängern, die mit Fallen nach Mäusen suchten. Sie erhielten 15 Pfennige pro Tier und zusätzlich eine Mahlzeit. Einige fingen laut dem Bericht bis zu 40 Mäuse an einem Tag und verdienten damit sechs Mark.

Umfrage zum Brauchtum in Bayern

Die Aufzeichnungen gehen auf eine 1908 gestartete Umfrage des Vereins für Volkskunst und Volkskunde in München zurück. Ein Katalog mit rund 400 Fragen zum Brauchtum wurde über die damals 163 bayerischen Bezirksämter an Orte im Königreich Bayern weitergegeben. 137 Bezirksämter antworteten. In Schwaben beteiligten sich alle 19 Bezirksämter; aus 107 Orten liegen Antworten vor. Aus dem heutigen Landkreis Lindau sind Hergensweiler, Reutin und Unterreitnau vertreten.

Wissenschaftler werteten die Fragebögen später erneut aus. Insgesamt wird von etwa 800 Berichten ausgegangen. Ein Teil der Unterlagen ist im Original erhalten, ein anderer nur über eine Kartei zu erschließen. Die rund 24.000 Blätter umfassende Sammlung könnte außerdem noch weitere Belegorte enthalten. Kopien der Berichte könnten in Kommunalarchiven liegen, ohne dass ihr Zusammenhang bisher erkannt wurde.

Heimatkundliches Dokumentationszentrum in Weiler

Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau in Weiler im Allgäu bewahrt neben solchen Unterlagen mehr als 5000 heimatkundliche und geschichtliche Bücher und Zeitschriften, historische und topografische Karten, Fotos, Ansichtskarten sowie Zeitungsbände ab 1854. Interessierte können per E-Mail an hdz@landkreis-lindau.de einen Termin vereinbaren oder den kostenlosen Newsletter abonnieren.

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