FCA-Kolumne | Die Rosenau Gazette: Der FCA macht sich überflüssig

Presse Augsburg
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Nach dem 1:2 gegen Freiburg, der fünften verspielten Führung dieser Saison, könnte ich ohne Weiteres die nächste Kolumne über fehlende Konsequenz, späte Gegentore und das zweite Tor schreiben, das wieder nicht fallen wollte. An Material würde es weiß Gott nicht mangeln. Je länger ich aber über diesen Samstag nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass die Probleme auf dem Platz nur das Symptom von etwas sind, das viel tiefer sitzt und das mich als FCA-Fan ehrlich gesagt mehr umtreibt als jede Tabellenkonstellation: Der FC Augsburg ist gerade dabei, sich selbst überflüssig zu machen.

Wir gegen den Rest der Welt

Was diesen Verein seit den Zweitligajahren ausgezeichnet hat, war nie die Größe des Etats oder der Glanz der Namen, sondern eine Mentalität, die man am besten mit „Wir gegen den Rest der Welt“ beschreibt: Wir zeigen es denen da draußen, und wir schaffen Dinge, die andere für unmöglich halten. Der Aufstieg 2011, der Klassenerhalt im zweiten Bundesligajahr nach neun Punkten zur Winterpause, gerettet erst am letzten Spieltag gegen Fürth, der fünfte Platz 2015 mit dem 3:1 in Mönchengladbach am letzten Spieltag, das späte Siegtor in Belgrad, das uns ins Europapokal-Sechzehntelfinale brachte, und zwei Abende gegen Jürgen Klopps Liverpool, die erst durch ein einziges Tor an der Anfield Road entschieden wurden – mit dem FCA hat man über Jahre immer wieder erste Male erlebt, und genau das war das Besondere an diesem Klub.

Ja, das hatte immer auch etwas von Wagenburg, und manchmal war diese Haltung trotziger, als es einem aufgeklärten Fan lieb sein konnte, aber sie hat funktioniert, und sie hat dafür gesorgt, dass uns sogar Menschen von außen mochten, die mit Augsburg sonst nichts verbindet. Wir waren eben nicht einfach der Nächste in der Reihe nach Freiburg oder Mainz, sondern diese kleine, unangenehme Zecke, die die Bundesliga einfach nicht mehr losgelassen hat, die sich mit Cleverness, absoluter Hartnäckigkeit und der Bereitschaft, jedem Gegner auf die Nerven zu gehen, Jahr für Jahr durchgesetzt hat.

Von der grauen Maus zu Sandro Wagner

Irgendwann haben wir uns dann gefreut, als wir das Image der grauen Maus erreicht hatten, weil es bedeutete, dass wir angekommen waren, dass niemand mehr ernsthaft fragte, ob der FCA in die Bundesliga gehört, und dass man uns zum etablierten Bundesligisten zählte. Dass diese Etablierung auch eine Gefahr in sich trägt, hat man in Augsburg durchaus gespürt. Genau deshalb haben so viele im Umfeld die Verpflichtung von Sandro Wagner im vergangenen Sommer als echten Aufbruch empfunden: Da kam einer, der in seiner Kommunikation schon immer bereit war, es mit dem Rest der Welt aufzunehmen, und der Verein selbst wollte mit ihm erklärtermaßen das Graue-Maus-Image endgültig ablegen.

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Dass dieses Projekt nach nur 148 Tagen gescheitert ist, lag an Wagners fehlender Fähigkeit, eine Bundesligamannschaft pragmatisch zu Ergebnissen zu führen. Hier genügt ein Blick auf die erste Halbzeit beim 0:3 in Hoffenheim, nach der der FCA die schlechteste Abwehr der Liga stellte und Michael Ströll bilanzierte, dass Glaube und Überzeugung fehlten. Das Scheitern ändert aber nichts daran, dass die Idee dahinter richtig war. Sie traf sehr genau das, was in der DNA dieses Vereins steckt.

Wo ist die FCA-DNA?

In dieser Saison steht nun ein Kader auf dem Platz, der sportlich so attraktiv ist wie lange keiner mehr, und trotzdem frage ich mich Woche für Woche, wo eigentlich diese DNA geblieben ist. Das ist umso bitterer, als uns diese Mannschaft im Spätsommer sogar neue erste Male geschenkt hat: die erste Tabellenführung der Vereinsgeschichte nach dem zweiten Spieltag und das schnellste Tor der Bundesligageschichte nach 8,4 Sekunden gegen die Bayern. Beides wirkt wie eine Erinnerung an einen Verein, der für einen Moment aufgewacht ist und sich dann wieder hingelegt hat. Der 16. Klassenerhalt in Folge, so sehr ich ihn mir wünsche, wäre jedenfalls kein neues erstes Mal mehr, und wer ihn trotzdem wieder als Saisonziel ausgibt, verwaltet eine Geschichte, statt eine neue zu schreiben.

Wo ist der Mut, wenn man die Aufstellung von Manuel Baum fast jedes Wochenende schon am Freitag vorhersagen kann? Wo ist das Überraschungsmoment, das Gegner vor Aufgaben stellt, mit denen sie nicht rechnen? Wo sind die Impulse im Spielverlauf, wenn die Partie zu kippen droht und die gegnerischen Trainer mit ihren Einwechslungen die Spiele drehen? In mindestens drei der fünf Spiele mit verspielter Führung trafen Joker des Gegners, gegen Freiburg sogar gleich zweimal. Wo ist die Ambition, wo ist die Aufregung, wo ist das, was den FCA ausgemacht hat? Die zwölf verschenkten Punkte nach eigener Führung sind für mich deshalb nicht nur eine Frage von Abwehrverhalten oder Chancenverwertung, sondern Ausdruck davon, dass das letzte Quäntchen Überzeugung fehlt, das ein Spiel in der Schlussphase entscheidet.

Das Umfeld ist gefragt

Und dieses letzte Quäntchen entsteht nicht nur in der Kabine. Es entsteht in der gesamten Ausrichtung eines Vereins, in seiner Kommunikation, in den Zielen, die er sich setzt, und in der Stimmung, die er um seine Mannschaft herum erzeugt. Die Psychologin Angela Duckworth hat in ihrem neuen Buch „Situated“ beschrieben, dass selbst die größte Beharrlichkeit oft nicht reicht, wenn das Umfeld nicht so gestaltet ist, dass es das Beste aus Menschen herausholt, und die Zielsetzungsforschung von Edwin Locke und Gary Latham zeigt seit Jahrzehnten, dass Menschen mit der bloßen Aufforderung, ihr Bestes zu geben, eben nicht ihr Bestes geben, weil ihnen der Maßstab fehlt, an dem sie sich messen lassen müssen. Genau dort sehe ich das Problem: Wo ist der gemeinsame Wille der ganzen Organisation, sich bis zum Letzten zu pushen, so wie es die Klassenerhalte der ersten Jahre erfordert haben, als jeder im Verein wusste, dass es ohne dieses Letzte nicht geht?

In all der Augsburger Bescheidenheit, in der man sich vor einer Saison partout nicht vorstellen kann, ein Ziel auch einmal höher zu hängen, ist dieser Wille irgendwann leiser geworden, und das, was einmal die Bescheidenheit des Underdogs war, der trotzdem alles will, ist zur Bescheidenheit eines Etablierten geworden, der nichts mehr zu verlieren glaubt. Das ist der Unterschied, und er ist gewaltig.

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Nur noch der nächste Bundesligist?

Wenn ich ehrlich bin, mündet das alles in eine Frage, die harsch klingt, die aber, glaube ich, in der Frustration rund um die jüngsten Auftritte bei vielen mitschwingt: Sind wir einfach nur noch der nächste Bundesligist, und was ist dann eigentlich der Grund, warum irgendjemand für diesen Klub sein sollte? Der FCA hatte über Jahre eine Antwort auf diese Frage, die man nicht erklären musste, weil man sie auf dem Platz sah – diese Antwort droht gerade verloren zu gehen, und zwar nicht, weil die Mannschaft zu schlecht wäre, sondern weil der Verein es versäumt, ihr eine Geschichte zu geben, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Das Melancholiegespenst vertreiben

Mit dem Herbst schleicht sich gerade ein Melancholiegespenst um die WWK Arena, das man aus anderen Jahren kennt und das man jetzt so schnell wie möglich vertreiben sollte, und zwar auf und neben dem Platz, durch Klarheit und durch Ambition: mit einer Aufstellung, die den Gegner auch mal überrascht, mit Wechseln, die ein Spiel entscheiden wollen, statt es zu verwalten, und mit einer Vereinsführung, die offen ausspricht, dass dieser Kader mehr kann als den 16. Klassenerhalt. Dabei kann man scheitern, natürlich. Es kann sein, dass es am Ende nicht reicht und dass man seine Ziele verfehlt, aber immerhin hätte man es versucht. Und genau dieses Versuchen war immer das, was den FCA vom Rest unterschieden hat. Ja, es ist Zeit endlich einen Titel zu gewinnen. Der DFB-Pokal reicht vollkommen. Lasst uns wieder gemeinsam von ersten Malen träumen und sie dann auch erleben. 

ANDREAS RIEDL IST GRÜNDER DER ROSENAU GAZETTE, DEM FC AUGSBURG BLOG. DAS AUTOR*INNEN-TEAM DER ROSENAU GAZETTE VERFOLGT DIE GESCHEHNISSE RUND UM DEN FC AUGSBURG SEIT VIELEN JAHREN UND BLICKT AUCH KRITISCH AUF ENTWICKLUNGEN ABSEITS DES SPIELFELDS. VIELE WEITERE TEXTE VON IHM UND DEM TEAM DER ROSENAU GAZETTE FINDEN SIE AUF rosenau-gazette.de.

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